Von Ludwig Marcuse

Er nennt es „Das Schauspiel meines Lebens“ – wer möchte es nicht sehen, mit Werner Krauss im Mittelpunkt? Zur Inszenierung dieses „Schauspiels“ hätte Hans Weigel eine sehr einleuchtende Idee mitgebracht: Krauss sollte erzählen, keine „stilistische Brillanz“ sollte seine erzählerische überglänzen. Die Idee war ausgezeichnet – und undurchführbar.

Erstens erzählt Krauss nur scheinbar. Man kann die Stenographin, die mitstenographiert hat, nicht sehen (wie Krauss sie vielleicht nicht sah), hört aber, wenn das Bild erlaubt ist, ihr Klappern so stark, daß man sie kaum je vergißt.

Man kann auch den aufnahmefreudigen Gesprächspartner nicht sehen, weil er nie auftritt; man hört ihn aber in Archiven blättern. Es ist doch eben nur ein leicht verhülltes Diktat mit Research-Assistenten.

So hat das Buch den Nachteil des Nicht-Geschriebenen ohne den Vorteil der Unmittelbarkeit. Ich bin fest überzeugt: hätte Weigel eine Krauss-Biographie geschrieben, auf Grund seiner Unterhaltungen, Krauss wäre stärker in Erscheinung getreten.

Offenbar geht dies sehr nüchtern (gerade in den berühmtesten Anekdoten nüchtern) hingehauene Protokoll nicht nur auf die Abwesenheit eines Autors zurück. Auch auf die Selbst-Zensur des Selbst-Porträtisten, der sich hinter lustlos erzählten Geschichten, hinter Aufzählungen theatergeschichtlicher Ereignisse, hinter einem stupenden Informationsreichtum über Gagen, auch die der Kollegen, versteckt.

Dies Sich-Verstecken hat bestimmt nicht nur diplomatische Motive. Zu den schönsten Stellen des Buches gehört, was Krauss über sein Maske-Machen sagt und über seine Scheu, sich selbst zu spielen. Er ist der Antipode des Exhibitionisten. Von niemand konnte man weniger erwarten, daß er aus sich herausgehen wird. Er geht schon ungewöhnlich weit, wenn er Einblick gibt in das, Was er immer wieder sein „Anders-sein“ nennt – und zu harmlos damit erklärt, daß er von keiner Spieltradition vorgeformt worden ist. Er gibt an ganz wenigen Stellen großartige Ansätze zu einem Selbst-Bildnis. Ein Werner-Krauss-Buch zu schreiben, ist niemand ungeeigneter als er.