Mit einem wirklichen Aufschwung ist frühestens Mitte 1959 zu rechnen

Von René Erbe, (Harvard University)

Wie Präsident Eisenhower kürzlich bemerkte, macht eine Schwalbe noch keinen Sommer. Man kann daher aus der Tatsache, daß einige der konjunkturempfindlichen amerikanischen Wirtschaftsindizes in jüngster Zeit nach oben weisen, noch nicht mit Sicherheit schließen, daß der Aufschwung bereits eingeleitet ist. Aber es ist doch ein ermutigendes Zeichen, daß wenigstens einige der Zahlenreihen, aus denen die Konjunkturprognostiker die wirtschaftliche Zukunft zu ersehen hoffen, nunmehr ziemlich eindeutig den unteren Wendepunkt überschritten haben.

Recht günstige Nachrichten kommen zum Beispiel aus der Bauwirtschaft. Die vergebenen Bauaufträge erreichten im Mai den höchsten Stand seit beinahe zwei Jahren. Wenn auch zwischen den Aufträgen und dem eigentlichen Baubeginn längere Zeit verstreichen kann, so wird sich doch der erhöhte Auftragseingang mit Sicherheit in den kommenden Monaten in einer beträchtlichen Steigerung der Bautätigkeit auswirken. Ein anderer häufig konsultierter Barometer, nämlich die Zahl der von den Eisenbahnen transportierten Güterwagenladungen, weist seit einiger Zeit ebenfalls ziemlich eindeutig nach oben. Schließlich hat auch der Dow-Jones Aktienindex, der von den Fachleuten des „National Bureau of Economic Research“ als ein ziemlich zuverlässiger „leader“ betrachtet wird – d. h. als eine Zeitreihe, die sowohl im Aufschwung als auch im Abschwung den normalen Konjunkturindizes um Monate voraus ist – in den letzten Wochen nach einigem Auf und Ab eine eindeutige Aufwärtsbewegung eingeschlagen.

Hingegen kann man der Verminderung in der Anzahl der Unterstützung beziehenden Arbeitslosen keine große Bedeutung zumessen, denn sie ist nicht einer Abnahme der Arbeitslosigkeit zuzuschreiben, sondern vielmehr der Tatsache, daß eine zunehmende Zahl von Arbeitslosen ihre Unterstützungsberechtigung erschöpft haben. Was die Entwicklung der Arbeitslosigkeit im allgemeinen angeht, so muß man im Gegenteil eher befürchten, daß sie während des Monats Juni, wenn die aus den High Schools und Colleges entlassenen jungen Leute auf dem Arbeitsmarkt auftreten, die Sechsmillionengrenze zumindest vorübergehend überschreiten wird. Zusammenfassend läßt sich aber dennoch sagen, daß die Recession ihren unteren Wendepunkt erreicht hat oder sich zumindest in seiner Nähe befindet. Damit drängt sich automatisch die Frage auf, welches die hauptsächlichen Träger des zu erwartenden Aufschwungs sein und mit welcher Schnelligkeit sie die amerikanische Wirtschaft aus dem Wellental der Konjunktur hinausführen werden.

Um diese Frage beantworten zu können, muß man zunächst die Ursachen des Rückschlags genau analysieren. Der Beobachter der amerikanischen Wirtschaft befindet sich dabei insofern in einer günstigen Lage, als er in den vierteljährlich vom „Department of Commerce“ veröffentlichten Volkseinkommen- und Sozialproduktstatistiken über ein einzigartiges Mittel verfügt, um die Physiologie des konjunkturellen Prozesses zu untersuchen. – Die Summe der während eines Jahres produzierten Güter und Dienstleistungen pflegt der Statistiker mit dem Ausdruck Bruttosozialprodukt“ zu bezeichnen. Es erreichte im dritten Quartal 1957 mit einer jährlichen Rate von 440 Milliarden Dollar seinen Höhepunkt und fiel in den folgenden beiden Quartalen auf 432,6 bzw. 422,0 Mrd.

Dieses Brutto-Sozialprodukt kann grundsätzlich für folgende drei Zwecke verwendet werden: 1. Privater Verbrauch, 2. Private Investitionen und 3. Staatsverbrauch. Die Bewegung dieser Einzelkomponenten liefert den Schlüssel für die Analyse des Konjunkturverlaufs