Die zyprische Zeitbombe ist losgegangen: Seit anderthalb Wochen regiert der Kriegsgott Ares auf dem Eiland der Aphrodite, herrscht Bürgerkrieg zwischen den 100 000 Türken und 400 000 Griechen auf der Insel.

Der neue britische Zypern-Plan, der zu spät kam und zu wenig bot, ist von den Ereignissen in den Papierkorb der Geschichte gefegt worden, noch ehe er am Dienstag im Londoner Unterhaus bekanntgegeben wurde. Die Türken lehnen ihnen schlichtweg ab, und die Griechen melden eine Reihe von Vorbehalten an. Der Vorhang hebt sich zum letzten Akt des zyprischen Dramas. Alles deutet darauf hin, daß es eine blutige Szene geben wird.

Was im Mai 1955 als Zweikampf der hellenischen Zyprioten, die den Anschluß der Insel an Griechenland forderten, mit den britischen Inselherren begann, hat sich mittlerweile zum griechischtürkisch-englischen Dreiecksdrama ausgeweitet. Längst sind die Griechen von ihrem ursprünglichen „Anschluß – sofort!“ abgerückt, längst auch haben sich die Engländer von jenem „Niemals!“ distanziert, das ihr damaliger Kolonialminister dem Verlangen der Griechen auf Zypern und in Hellas zunächst entgegenhielt. Die Einigung über eine Übergangslösung, die den Zyprioten zwar die Selbstverwaltung sofort, die Selbstbestimmung indes erst später bringen sollte, schien sich abzuzeichnen.

Da aber trat der dritte Mitspieler, eben die Türkei, auf den Plan und machte mit der Brutalität, die denen eigen ist, die meinen, zu spät gekommen zu sein, alle Hoffnungen auf eine gütliche Beilegung des Konfliktes wieder zunichte. Gewiß: er orientierte sich an den Methoden der griechischen Untergrundorganisation EOKA. Aber wo diesen spontane Regungen zugrunde lagen, ist der Türkenaufstand künstlich aufgewiegelt worden.

Eine Lebensgemeinschaft, in der ein halbes Jahrtausend Türken und Griechen gut miteinander ausgekommen sind, wird durch die gelenkte Barbarei der letzten Tage und die unbeugsame türkische Forderung nach Teilung der Insel rücksichtslos gesprengt. Wobei es freilich eine Ironie der Geschichte ist, daß es die Briten selbst waren, die Ende 1956 den Gedanken der Teilung lancierten – damals, um der EOKA einen Schrecken einzujagen. Jetzt haben die Türken die britische Bluffkarte aufgenommen und spielen sie blutig-ernst aus.

Blutig-ernst: Die erste Woche des Aufruhrs, des Mordes und der Brandstiftung kostete 14 Zyprioten-das Leben, darunter 12 Griechen. Hunderte von Menschen wurden verletzt. Der angerichtete Sachschaden beläuft sich nach den vorsichtigsten Schätzungen auf mindestens 1,2 Millionen Mark. Und die Statistik der Gewalt wäre noch viel grausamer, bemühten sich nicht 25 000 britische Soldaten – die übers Wochenende durch 3000 Fallschirmjäger verstärkt worden sind – um die militärische Eindämmung des Konflikts.

Um seine Eindämmung mit politischen Mitteln bemühten sich in den letzten Tagen die Politiker der westlichen Verteidigungsgemeinschaft, deren südöstlicher Eckpfeiler unter dem Druck der aufgestauten Spannungen auseinanderzubrechen droht. Schon wird gemunkelt, ein türkisches Freiwilligenheer stünde zur Invasion Zyperns an der anatolischen Küste bereit; schon befürchten manche Beobachter das Schlimmste, nämlich einen türkischgriechischen Krieg. Daß die Lage hochexplosiv ist, beweisen die scharfmacherischen Massenkundgebungen in der Türkei zur Genüge; beweist aber auch der Auszug der Griechen aus dem nahöstlichen NATO-Hauptquartier im türkischen Izmir.

Unter diesen Umständen erscheint eine Internationalisierung des Konfliktes, seine Beilegung etwa durch die NATO oder auch die UNO, den einzigen vernünftigen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu eröffnen. Sonst besteht die Gerfahr, daß der explosive Zypern-Komplex dem Dynamit-Bündel der übrigen mittelöstlichen oder gar der ost-westlichen Probleme zugesellt wird. Die Türken operieren bereits mit dem Kommunistenschreck-Argument („Zypern darf nicht griechisch werden, weil Griechenland unter kommunistischem Einfluß steht“), und der orthodoxe Erzbischof Makarios hat sich eben in Kairo der moralischen Unterstützung des Moslems Nasser gegen die muselmanische Türkei versichert... Eine weitere Zuspitzung des griechisch-türkischen Konflikts kann sich der Westen aber nicht leisten. Theo Sommer