Zum zehnten Jahrestag der Währungs- und Wirtschaftsreform

Von Ludwig Erhard

Als ich im September 1947 zum Leiter der „Sonderstelle Geld und Kredit“ bestellt wurde, bestanden im allgemeinen nur recht nebelhafte Vorstellungen über das, was zu tun notwendig sei, um das Chaos zu beenden und wieder zu „gesundem“, funktionsfähigem Geld, zur Ordnung der Wirtschaft und vor allem auch zu menschlicher Freizügigkeit zurückzufinden. Die Firmierung jenes Sachverständigen-Gremiums ließ die Aufgabe kaum erkennen, die darin lag, deutsche Vorstellungen und Überlegungen in der alliierten Planung der Währungsreform zur Geltung zu bringen. Die dort geleistete Arbeit vollzog sich in aller Stille, denn die deutsche Öffentlichkeit raunte zwar von einer angeblich bevorstehenden Währungsreform, nahm aber sonst in der Drangsal des Alltags von dem Geschehen wenige Notiz. Gleichwohl erinnere ich mich jener dort geleisteten Arbeit und der Auseinandersetzungen mit den alliierten Sachverständigen mit großer Genugtuung.

Wenn je ein Zufall von schicksalhafter Bedeutung war, dann war es um jene Zeit der, daß der Direktor der Verwaltung für Wirtschaft, mein Vorgänger Dr. Semler, jene Erlanger Rede hielt, die so sehr das Mißfallen der Besatzungsmächte erregte, daß er aus seinem Amte auszuscheiden gezwungen war. Und wieder war es ein Zufall, daß der Frankfurter Wirtschaftsrat mich, einen damals nicht parteigebundenen Außenseiter, zu seinem Nachfolger erkor und als Chef jener Verwaltung in die McNair-Kaserne einziehen ließ. Das ereignete sich am 2. März 1948, also kurz vor der Währungsreform. Und so hatte ich alle Hände voll zu tun, auf wirtschaftspolitischem Gebiet die Voraussetzungen für das Gelingen der Währungsreform zu schaffen.

Sowohl im Wirtschaftsrat selbst als auch in meinem Amt hegte man wohl die Vorstellung und den Wunsch, daß die unwürdigen Formen der Zwangswirtschaft in Gestalt der Rationierung, des Bezugscheinwesens, der menschlichen Unfreiheit überwunden werden müßten, aber wie das geschehen könne, das wußten nur wenige. Das eine ist sicher: daß an die Möglichkeit, man könne dieses ganze Übel mit einem einzigen Schwung überwinden und dazu noch die Funktion freier Preise und Löhne setzen oder gar eine liberale Handelspolitik einleiten, außer einer sehr kleinen Zahl weitsichtiger Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, niemand gedacht hatte. In solchen Kategorien vorauszuschauen, erschien eine Vermessenheit, die in dem Denkstil jener Zeit mit den Realitäten des Lebens nicht in Einklang zu bringen war. Darum war mir auch bewußt, daß mich nur eine weitreichende Vollmacht in die Lage versetzen könne, meinen Zielen Gestalt zu geben. Die sie mir erteilten, ahnten wohl kaum, welche Konsequenzen sich daraus ergeben würden; ich glaube aber, daß sie heute zu bestätigen bereit sind, daß ich die Vollmacht genützt, nicht mißbraucht habe.

Mit unbekanntem Ziel

Mit einem gewissen Ergötzen denke ich daran, wie ich selbst in meinem alten Amt mit List und Tücke jene Verordnungen erarbeiten und einsammeln mußte, die die Aufhebung der Bewirtschaftung und die Freigabe der Preise zum Gegenstand hatten. Denn da waren immer neue Statistiken über Rohstoff- und Devisenverfügungen, die mich ermahnen und lehren sollten, daß solches Vorhaben scheitern müßte. Nur der Hinweis, nach der Währungsreform müsse das Amt für alle theoretischen Möglichkeiten gewappnet sein, ließ manche Geister beschwichtigen. Ja, seinerzeit wurde allen Ernstes der Plan erörtert, daß man, da die güterwirtschaftliche Deckung der neuen D-Mark fehlte, gebrauchte Waren, insbesondere Hausrat und Wäsche, sammeln müsse, um der Nachfrage des neuen Geldes in etwa genügen zu können. Dieses Kuriosum mag die Unsicherheit und Verwirrung jener Zeit kennzeichnen.