Mir brach der Schweiß aus. Und es fiel mir ein, daß mich in Bitterfeld in Sachsen ein Russe meiner Baskenmütze wegen als "amerikansk Spion" verhaftet hatte und daß ich in Frankreich von einem Dorfpolizisten als "entflohener Fremdenlegionär" arretiert worden war ... Aber dann entnahm ich dem Telephongespräch, daß es um einen russischen Kanadier ging, den die dänische Polizei gern nach England deportieren wollte (weil das billiger ist als nach Kanada), aber die Engländer sagten: No, Sir! – Ich atmete auf. "Zurück zu Ihnen", sagte der Beamte. "Wir müssen Sie ausweisen", sagte er. "Das bedeutet, Sie dürfen nie wieder nach Dänemark zurückkehren." Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß meine Frau in vier Wochen ein Kind erwarte. Das stimmte ihn milde. Aber vielleicht dachte er auch nur daran, wieviel die Kinder der deutschen Besatzungssoldaten noch heute den dänischen Staat kosten. Jedenfalls übergab er mich einem anderen Beamten. – "Sie wollen sich also in Dänemark aufhalten?" fragte dieser. Ich nickte, und alsbald begann das allbekannte Fragebogenspiel: Wandel und Handel von Mutterleib und Kindesbeinen an. Volksschule, wo und warum, Gymnasium wieso und mit welchem Ergebnis, Militärdienst, ja, und was dann?

Daß ich den Tag meiner Einberufung auf Anhieb wußte, machte mich genauso verdächtig wie die Tatsache, daß ich mich an das Geburtsdatum meiner Frau in diesem Augenblick des Verhörs nicht erinnern konnte. Berufliche Tätigkeit? – Jetzt war ich in Form. Ich zählte ihm mit wahrer Wonne alle Berufe auf, die ich nach dem Kriege ergriffen hatte – alle zwei Dutzend. "Und warum", fragte er voller Mißtrauen, "haben Sie Ihren Beruf so oft gewechselt?"

"Darf ich ein Beispiel geben?" Er nickte und hörte mich an.

"Sehen Sie", sagte ich, "als ich in Hamburg lebte, brauchte ich, da ich kein Hamburger war, um in Hamburg leben zu dürfen, eine Aufenthaltsgenehmigung, und um diese zu bekommen, mußte ich einen sogenannten Mangelberuf haben!"

"Und hatten Sie einen?"

"Das nicht, aber ich hatte einen Beamten beim damaligen Verhör, der Mitleid hatte."

Der dänische Beamte legte den Kugelschreiber beiseite und versank eine Weile in Nachdenken. Dann bot er mir eine Zigarette an. Wir lächelten uns zu und verloren uns in ein langes Gespräch über die Welt und ihre sonderbaren Einrichtungen. Ich durfte, vorläufig für ein weiteres Vierteljahr, in Dänemark bleiben.