Die diesjährige Mitgliederversammlung der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie fand in einem konjunkturellen Klima statt, wie wir es seit Jahren nicht mehr kennen. Zwar sind „weiße Wochen“ selbst beim Stahl nicht unbekannt; aber die gegenwärtige Baisse in Preisen und im Mengengeschäft ist doch neu und in den zehn Jahren seit 1948 ohne Parallele. Die Jahresversammlungen der Spitzenorganisation der vestdeutschen Stahlunternehmen standen in den vergangenen Jahren unter dem Vorzeichen einer wuchtigen Expansion, unerfüllbarer Produktionswünsche, von Überforderungen aus der Weiterverarbeitung und eines ständigen Preisdrucks nach oben. Nichts von alledem ist geblieben. Zwar sind die Farben auf der Konjunkturpalette 1958 nicht gerade dunkel, aber sie entbehren der Leuchtkraft der Vergangenheit. Statt dessen eröffnen sich die Perspektiven fehlender Aufträge aus dem Ausland, eines unsicheren Inlandgeschäfts, freier Kapazitäten von 20 v. H. – und sinkender Preise.

Das Fazit: die Ruhr einigte sich auf eine Stahlpreissenkung. Mehrere Hüttenwerke gaben neue Preislisten an die Hohe Behörde; und der „Außenseiter“, die bundeseigenen Hüttenwerke Salzgitter, welche die letzte Stahlpreiserhöhung nicht mitgemacht hatten, setzten hier und da ihre Preise etwas herauf. Praktisch wurde die durchschnittlich vierprozentige Stahlpreiserhöhung vom 1. Dezember 1957 etwa zur Hälfte wieder rückgängig gemacht. Die Doppelpreise, die durch die bundeseigene Extratour der umsatzsteuerfreien Reichswerke herbeigeführt worden waren, sind somit beseitigt, und damit ist auch der Preiskampf beendet, den die Partner der Montanunion mit den in dieser Ära berühmt gewordenen Salzgitterpreisen auf dem deutschen Inlandsmarkt führen konnten. Mit der Einheitlichkeit der nunmehr niedrigeren Preise wird vermutlich eine Beruhigung des Marktes eintreten.

Daß die deutsche Eisen- und Stahlindustrie, von einigen Ausnahmen (wie offenbar Rheinstahl) abgesehen, unter wenig rosigen Ertragsbedingungen arbeitet, hat sich allmählich herumgesprochen. Der von der Mitgliederversammlung wiedergewählte Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung, Bergassessor a. D. Dr. Hans-Günther Sohl (Vorstandsvorsitzer der August Thyssen-Hütte AG), kommentierte die Lage wie folgt:

Die gegenwärtige Marktflaute wird nicht so sehr vom Verbraucher als vielmehr von Lagerdispositionen bestimmt. Das berechtigt zu der Hoffnung, daß die Marktschwäche in einiger Zeit überwunden sein wird. Rückgang der Exporterlöse und rückläufige Auslastung der Anlagen haben zusammen mit der Erhöhung der Brennstoffkosten und der Lohn- und Gehaltszahlungen die Kosten gesteigert, und zwar um mehr, als die sinkenden Frachten, rückläufigen Schrottpreise und andere Entlastungen der Entwicklung entgegenwirken konnten. Dabei fällt der deutsche Stahlpreis auch nach den vielfachen Senkungen in den Nachbarländern keineswegs aus dem Rahmen. Er liegt vielmehr noch in der unteren Region und ist seit Anfang 1953 um weniger als 10 v. H. gestiegen, während in der gleichen Zeit die Stahlarbeiterlöhne um 42 v. H. erhöht wurden.

Daß nicht nur optimistisch geredet, sondern auch zukunftssicher gehandelt wird, ließ jene Erklärung von Sohl erkennen, der zufolge die Investitionstätigkeit der Schwerindustrie nicht nachlassen wird, wenn der Stahlpreis und mit ihm die Erlöse einigermaßen zu halten sind. Sohl appellierte an die öffentliche Hand, auch ihrerseits die Investitionen mindestens im bisherigen Umfang weiterzuführen. Franz Etzel, jetzt Bundesfinanzminister, und vorher, wie der Gastgeber in launiger Tischrede meinte, „Franz I. von Luxemburg“ – als Vorgänger von Franz II. (Blücher) –, bekräftigte die Worte Sohls in einem eigenen Referat, in dem er sich grundsätzlich über seine Auffassung in der Steuerpolitik äußerte.

Ohne Zweifel hat sich die deutsche Eisen- und Stahlindustrie recht gut durch die Montanunion durchge„franzt“. „Sie ist uns lieb und teuer, und wenn sie nicht so teuer wäre, so wäre sie uns noch lieber“, meinte Sohl, der sehr freundliche Worte für die europäische Zusammenarbeit fand und mit ausdrücklicher Betonung diese Politik bejahte. Erfreulich wäre es allerdings, wenn in nächster Zeit in Luxemburg anstehende deutsche Wünsche auf weitere Beseitigung von Entflechtungsschäden ohne Ressentiments behandelt würden. So müßte endlich, so meinen wir, die Frage der Verkaufsauflage für Krupp eindeutig und zugunsten der Betroffenen geregelt werden.

Die Stahlkomplexe wachsen in aller Welt, und die absolute Produktion der Reviere wird größer. Für die europäische Zusammenarbeit ist es nicht förderlich, überholten Vorurteilen nachzuhängen. Gemeinsames Interesse ist es vielmehr, das zusammenzufügen, was auf Grund der Produktionsprogramme zusammengehört, was eine billigere Erzeugung verspricht und als preiswertes Massenangebot die Ausgangsbasis für den industriellen Fortschritt und somit für den steigenden Wohlstand der Völker ist. Das steht nicht in Widerspruch zu dem wirtschaftspolitischen Leitgedanken, die mittelständische Wirtschaft zu fördern. Zum Wesen der Grundstoffindustrie gehört der Großbetrieb. Er sollte nicht beargwöhnt oder bekämpft werden, nur weil er groß ist. Ingrid Neumann