r. g., Stuttgart

Einen alten Rucksack und meine Landsermütze hatte, ich auf dem Boden gefunden. Meine Frau hatte Stroh geflochten und daraus höchst jammervoll anzusehende Schuhe genäht. Schwieriger war es, die stilechten Speisen und Getränke zu beschaffen; aber endlich glückte auch das, und wir waren sehr stolz auf unsere „Leberwurst“ aus Mehl und Majoran.

Schließlich erinnerten wir uns eines Kunstmalers, dem es nicht besonders gut geht; ihn beauftragten wir mit der Innenausstattung, wobei wir jedoch darum baten, von baulichen Veränderungen, naturgetreuen Mauerrissen und bröckelndem Verputz abzusehen.

Solchermaßen gerüstet sahen wir dem Fest erwartungsvoll entgegen. Den Einladungen, die in bereits benutzten und gewendeten Briefumschlägen verschickt wurden, lag eine mühsam nachgezeichnete Lebensmittelkarte bei, gegen die wir dann Leberwurstbrot, Maissuppe und Kartoffelkuchen abgeben wollten. Außerdem hatten wir unsere Freunde gebeten, ein Brikett mitzubringen.

Das Fest hieß: der Währungsball. Schlag zwölf Uhr sollte die Währungsreform stattfinden. Geplant war: Kostümwechsel der Gäste und sodann Sturm auf die im Nebenzimmer bereitgehaltenen Schlemmerplatten eines kalten Büfetts der Gastronomie von 1958.

Als die Einladungen heraus waren, rissen die Anrufe nicht ab. Unsere Gäste weigerten sich, auf ihre Autos zu verzichten und in längst abgetragenen Anzügen und Kleidern, Rucksäcke auf dem Rücken, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, wie wir das vorgeschrieben hatten. Einige erklärten, daß sie erst um Mitternacht – nach der „Währungsreform“ – erscheinen würden. Man habe sich schließlich nicht zehn Jahre lang so abgeschuftet, um sich jetzt freiwillig wieder zu „erniedrigen“.

Und so wird unser wunderliches Währungsfest als ganz normales Wirtschaftswunderfest stattfinden, bei dem man statt über Schwarzen Markt und Hamsterfahrten über die neuesten Autos und die Sackmode, über die Exportchancen in Südamerika und die Vorzüge von Mallorca sprechen wird...