Als dann die Entscheidung des 20. Juni gefallen war, ging das Lamentieren erst recht los. Man beklagte, daß Mr. Tenenbaum — so hieß jener mittlerweile zur legendären Gestalt gewordene "junge Mann" aus den USA, dem von den Besatzungsbehörden die Durchführung der Aktion im "Vereinigten Wirtschaftsgebiet" anvertraut worden war — die Vorschläge der deutschen Sachverständigen brüsk beiseite geschoben habe. Aber diese im "Homburger Plan" zusammengefaßten Vorschläge — wonach alle baren Mittel 100:20 (mit einer "Sofortquote" von 100 :5) umgestellt werden sollten, und alle (privaten) Guthaben und Schulden "voll", l: l also — waren wohl ebenso unrealistisch wie die Idee, daß man den Lastenausgleich in einer Art "schmerzloser Operation" gleich uno actu mit der Währungsneuregelung durchführen könne . Heute, im Rückblick, will es uns so erscheinen, als ob die von 1 Mr. Tenenbaum zu verantwortende Umstellung im Prinzip verhältnismäßig einfach gewesen sei: "Kopfquote" für jedermann 40 DM sofort, 20 DM später, und im übrigen Umstellung des baren Geldes 100 : 6 5, der (privaten) Verbindlichkeiten 10 : 1. In Wirklichkeit aber liefen die Dinge durchaus nicht so einfach ab, sondern komplizierten sich in einer geradezu schrecklichen Weise. Daß es so kam, ist nun freilich im wesentlichen die Schuld der jetzt endlich "mitberatend" eingeschalteten deutschen Politiker und Sachverständigen.

Der erste entscheidende Fehler war die Sache mit der Kopfquote. Drei Wirtschaftsexperten, gestellt von den drei großen Parteien (das waren damals CDU, FDP und SPD), hatten die Wahl: entweder eine verhältnismäßig niedrige Quote für jedermann, bei Umtausch l : l von RM in DM, — oder eine hohe Kopfquote (nämlich 60 DM) — dann aber unter Anrechnung des ausgezahlten DM Betrages (auf die RM Guthaben der Empfänger) im Verhältnis 10 :1. Sie entschieden sich für die zweite als die "sozialere" Lösung: mit dem Ergebnis, daß — natürlich! — jedermann die volle Kopfquote ausgezahlt erhielt, quasi als Geschenk der Allgemeinheit. Der nächste Fehler, der gemacht wurde, brachte "nur" eine höchst überflüssige und ganz unnötige Komplizierung der zunächst erfreulich simplen Konzeption. Diesmal legten sich die Fachleute der Militärregierungen quer, die unter dem Eindruck steigender Preise standen und deshalb meinten, es sei bereits "zuviel Konsumentengeld im Umlauf". So verfielen sie auf die Lösung, etwas mehr als den dritten Teil der zunächst lOprozentgen Umtauschquote "ersatzlos zu streichen" <— vomit man dann zu dem völlig systemwidrigen Satz von 6 5 v. H für den Bargeldumtausch kam. Die Differenz zwischen dem bis dahin geltenden Ireigabesatz von 5 und dem neuen Satz von 6 5 v. H wurde nicht etwa voll ausgezahlt, sondern nur zu zwei Dritteln (gleich ein Prozent des ursprünglichen RM Betrags), während man das restliche Drittel (gleich 0 5 Prozent des "alten" Guthabens) vorläufig auf dem Konto einfrieren ließ .

Wenn zur Zeit jener Entscheidung tatsächlich zuviel "Konsumentengeld" in Umlauf war, so lag die Schuld hieran eindeutig bei den deutschen Regierungsstellen, spezieil bei Dr. Pünder, dem danaligen Verwaltungschef. Er nämlich hatte darauf bestanden, daß man "ein einmal gegebenes Vort einlösen" und ergo die restliche Kopfquote von 20 DM nun auch termingerecht auszahlen nüsse — mit der Begründung: man dürfe "das Verfauen der Bevölkerung nicht enttäuschen". Aber daß eine solche Fehlentscheidung sehr leicht zu awas sehr viel Schlimmerem geführt hätte, nämlich zu einer tödlichen Krise des neuen Geldes, das ja coch nur so lange Vertrauen genoß, als es knapp var — das hatte Dr. Pünder wohl kaum bedacht. Vas geschah, war immerhin schon schlimm genug. Nun kam nämlich die Zeit des ständigen allgeiteinen Preisanstiegs, der noch bis in den Januar 1?49 hinein andauerte, obwohl die Währungsbank bereits im Oktober — sehr bald übrigens nach dem wiederholten dringenden Appell der ZEIT, dies zu tun — zu einer relativ schnell wirksam werdenden Eestriktionspolitik übergegangen war. Natürlich lagen die "neuen" DM Preise, wie sie seh seit Mitte 1948 "frei" bildeten (oder für einige sehr wichtige Teilgebiete der Wirtschaft: wie sie durch behördliche Anordnungen neu festgesetzt wurden) über den "alten" Reichsmark Preisen aus der Zeit vor dem 20. Juni 1948 (oder anders gestgt: tden Stopp Preisen von 1938). Bei einigem wirtschaftlichen Sachverstand war ja wohl zu erkennen, warum das — absolut zwangsläufig — so sein mußte: nämlich wegen der geringeren Effizienz der heruntergewirtschafteten Anlagen und zugleich wegen der geringeren Leistungsfähigkeit der seit Jahren unzureichend ernährten, überbeanspruchten und unzulänglich ausgestatteten Arbeiter. Iso ergaben sich, zumal der Lohnstopp hinfällig geworden war und nun auch die Nominallöhne wieder in Bewegung kamen, erhöhte Produktionskosten je Einheit — insbesondere da, wo wegen fehlender Roh- oder Hilfsstoffe in der Fertigung aaf minderwertige Ersatzstoffe zurückgegriffen werden mußte, oder wo "Engpaßmaterial" nur mit hohen Sonderkosten heranzuschaffen war. Heute, im Rückblick, erscheinen alle diese Monente als pure Selbstverständlichkeiten. Damals aser suchte fast jeder die Schuld für die "fortschreitmde Teuerung" anderswo: etwa bei dem "wucherischen Geist" der Unternehmer y denen man — als ob der Begriff der Wiederbeschaffungskosten unbekannt geblieben sei! — vor allem das "Horten" der erst nach dem 20. Juni auf den Markt strömenden Ware verübelte. Oder aber bei den Bauern, denen nian nicht nur die Schwarzmarktverkäufe und die "grauen" Tauschgeschäfte zum Vorwurf machte, sondern außerdem noch die Tatsache, daß sie jahrelang mehr zu essen gehabt hatten als der Normalverbraucher . Andere meinten: "der" Arbeiter sei schuld, weil er Zu große Ansprüche stelle — und schließlich waren sich fast alle in dem Punkte einig, daß mit der neuen Währung irgend etwas nicht in Ordnung sei. Da gab es nun allerdings verschiedene Varianten. Die eine Ansicht ging dahin, daß zuviel Geld da sei, die andere besagte das Gegenteil. Der Gewerkschaftsboß Tarnow, ein prächtiger alter Mann, machte allen Ernstes den Vorschlag, die Löhne und Gehälter kräftig zu erhöhen, sie aber nicht voll auszuzahlen, sondern einen Teil als "Zwangsspargeld" festzulegen . Eine Autorität auf dem Gebiete der Währungspolitik erklärte: die Geldmenge sei durchaus richtig bemessen"; wenn die Preise trotzdem stiegen, so habe nur der Racker Umlaufsgeschwindigkeit schuld .

"Konsumgeld" genug und übergenug, aber zu wenig "Geschäftsgeld" — so lautete eine aridere These, die von sehr potenten Leuten verfochten wurde. Sie meinten, es müsse doch möglich sein, mehr "Geschäftsgeld" (gleich Betriebskapital) ,zu machen": als "Eigenkäpital" natürlich, und nicht etwa bloß durch Kreditschöpfung —Wir sind heute geneigt, derartig primitive Ideen zu verlachen. Entstanden waren sie aber doch nur aus der Umkehrung der landläufigen Meinung, wonach die Währungsumstellung identisch mit einer Kapitalvernichtung gewesen sein soll. Wenn aber schon jemand glaubt, daß Kapital "mit einem Federstrich" zu vernichten sei, so ist es ja nur konsequent, daß er den gegenteiligen Vorgang für ebenso möglich hält. Haben wir denn nicht alle oder doch fast alle (der Gesetzgeber eingeschlossen: siehe das Soforthilfegesetz!) von "Währungsschäden" und von "Währungsgeschädigten" gesprochen? Jeder mag das mit seiner eigenen Gedankenlosigkeit entschuldigen — aber man sollte doch nicht über jene Leute spotten, die analog der von hoher Hand verfügten (vermeintlichen!) "Kapitalvernichtung" nun auch den umgekehrten Prozeß für möglich gehalten haben: also nicht bloß eine von hoher Hand verfügte Vermögensübertragung (wie sie ständig in kleinerem, und qua Lastenausgleich, in ganz großem Maße erfolgt), sondern eben eine "echte" Kapitalschöpfung durch die Allmacht des Staates.

So wiedie Sache ursprünglich gedacht war, ließ sie sich freilich nicht realisieren. Der Gedanke, mehr "Geschäftsgeld" über eine nachträgliche Korrektur der Währungsumstellung zu schaffen — er spukte in manchen Köpfen noch bis zur Zeit der großen Zahlungsbilanzkrise von 195051, die von der Währungsbank in hervorragender Weise gemeistert wurde — trat dann allmählich in den Hintergrund. Vor aliem wohl deswegen, weil die Dinge sich mittlerweile "von selber zurechtgezogen hatten". Die Methodik, mit der das geschehen ist, steht nun allerdings auf einem anderen Blatt; sie hat mit dem Thema Währungsreform gleich Geldumstellung nichts, und mit Fragen der Währungs- und Kreditpolitik nur am Rande zu tun. Dafür aber um so mehr mit den Methoden der Finanz- und Steuerpolitik, wie sie bei uns in diesen letzten zehn Jahren praktiziert worden sind. Wenn sehr urteilsfähige Leute heute ein lebhaftes Mißbehagen gegenüber dem wirtschaftlichen Geschehen empfinden, so beruht das nicht eigentlich auf währungspolitischen Sorgen, ähnlich denen der Zeitspanne 194851. Solche Besorgnisse sind vielmehr bedingt durch die übermächtigen Tendenzen, die während der letzten Jahre im Ünternehmensbereich wirksam waren, und die zu einem beispiellos schnell fortschreitenden Konzentrationsprozeß geführt haben.