Wenn es de Gaulle gelingen sollte, auf friedlichem Wege in Algerien eine Lösung herbeizuführen, so stellen sich der französischen Metropole wirtschaftliche, finanzielle und soziale Probleme von außerordentlicher Tragweite. Algerien ist ein typisch unterentwickeltes Land. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der gesamten Bevölkerung einschließlich der Europäer beträgt kaum 50 000 französische Franken (ffrs.), das der muselmanischen Bevölkerung – neun der rund zehn Millionen Menschen – nicht einmal ganz 20 000 ffrs. Das Durchschnittseinkommen der algerischen Eingeborenen entspricht mithin etwa dem Existenzniveau der bäuerlichen Massen Indiens.

Der Bevölkerungszuwachs, der praktisch nur auf Eingeborene entfällt, erreicht mit durchschnittlich 250 000 Menschen pro Jahr eine Rekordhöhe. Das Wachstum der Produktion entsprach dem Bevölkerungszugang bis jetzt keineswegs. Wenn der gegenwärtige Bevölkerungsdruck anhält, wird Algerien im Jahre 1980 fast 20 Millionen muselmanische Einwohner zählen. Vier Fünftel der Eingeborenen leben von der Landwirtschaft. Praktisch besitzt Algerien zwei landwirtschaftliche Sektoren nebeneinander: einen modernen, der mit den neuesten Maschinen von 25 000 europäischen, und 15 000 eingeborenen Landwirten bebaut wird und 3,6 Mill. ha umfaßt; und eine große Anzahl primitiver Höfe, auf denen etwa 600 000 eingeborene Kleinbauern, Fellagha genannt (auf 2,5 Mill. ha Boden), ihr Leben fristen. Diese selbständigen Fellagha leben meist in kümmerlichen Verhältnissen. Sie sind jedoch immer noch besser gestellt als die 270 000 Kleinpächter, die 170 000 vollbeschäftigten Landarbeiter, die 230 000 Hirten und insbesondere die 600 000 Saisonarbeiter, die meistens sehr kinderreiche Familien haben und den größten Teil des algerischen Elendproletariats von insgesamt vier bis fünf Millionen Menschen, d. h. die Hälfte der algerischen Bevölkerung, ernähren müssen.

Das wirtschaftliche Drama Algeriens besteht darin, daß der landwirtschaftliche Ertrag sich zwischen 1914 und 1958 nur minimal erhöht hat, während die Bevölkerungszahl fast auf das Doppelte gestiegen ist. Die Industrie beginnt sich erst seit wenigen Jahren in völlig ungenügendem Tempo zu entwickeln. Der garantierte Mindeststundenlohn beträgt in Algerien – wo die Preise genau gleich hoch sind wie im europäischen Frankreich – nur 109 ffrs., in der Metropole dagegen 149 ffrs. Der Minimallohn kommt zudem nur den kaum 250 000 Industriearbeitern zugute.

Die landwirtschaftliche Produktion kann in Algerien nur mehr wenig gesteigert werden. Modernisierung der Bebauungsmethoden und Verbesserung der Bodenverhältnisse durch Bewässerung würde höchstens den Lebensstandard von 20 v. H. der Landbevölkerung erhöhen. Die Zukunft Algeriens liegt nicht in der Landwirtschaft, sondern in der Industrialisierung. Algerien war bis zum zweiten Weltkrieg das Absatzreservoir und ein fast ausschließlicher Markt der französischen Industrie. Sie konnte immer wieder großzügige Industrialisierungspläne vereiteln. Bereits während des letzten Krieges machte sich der Mangel einer eigenen Industrie in Algerien aber auch für die Franzosen bitter bemerkbar.

Der Vorwand, der bisher gegen die Industrialisierung geltend gemacht wurde – die ungenügenden und zu teuren Energiequellen – ist seit der Entdeckung der Erdöl- und Naturgasvorkomnen in der Sahara sowie zahlreicher Erzvorkommen in den Südgebieten nicht mehr haltbar. Über das Problem der Industrialisierung haben sich seit einigen Jahren schon zahlreiche Experten ihre Köpfe zerbrochen. Die gründlichste Arbeit dürfte eine von dem Senator Maspetiol geleitete Kommission geleistet haben, die zu dem Ergebnis kam, daß durch ein-Investitionsvolumen von 4700 Milliarden Franken das algerische Sozialprodukt in zehn Jahren um 27 v. H. erhöht werden und 800 000 neue Arbeitsstellen in den nichtlandwirtschaftlichen Sektoren geschaffen werden könnten. Das Lebensniveau der europäischen Bevölkerung könnte nach dem Maspetiol-Bericht um drei bis vier V. H., das der eingeborenen Bevölkerung jährlich um sieben bis acht v.H. erhöht werden.

Von diesen 4700 Mrd. ffrs. soll nach dem Maspetiol-Plan der französische Staat 1636 Mrd., die algerische Privatwirtschaft 1795 Mrd. und die Privatwirtschaft der Metropole 1090 Mrd. ffrs. aufbringen. Der algerische Staatshaushalt würde 179 Mrd. ffrs. tragen müssen. Der Plan ist selbstverständlich nur dann durchführbar, wenn in Algerien Frieden und ein Vertrauensklima geschaffen werden können, das die Voraussetzung für die Beteiligung von Privatkapital ist. Das Privatkapital aber flieht seit einigen Jahren Algerien. Die Kapitalbilanz Algeriens wies nach offiziellen französischen Schätzungen 1955 einen Fehlbetrag von 103 Mrd. ffrs. und im Jahr 1956 ein Defizit von 233 Mrd. auf. Jüngere Zahlen liegen nicht vor, aber 1957 und erst recht in jüngster Zeit hat die Kapitalflucht aus Algerien sicher noch größere Ausmaße angenommen.

Der Maspetiol-Plan ist daher bereits heute revisionsbedürftig. Außerdem eröffnet er nur ungenügende Perspektiven, was die Lösung des Bevölkerungsproblems anbetrifft. Er sollte daher durch ein großzügiges Auswanderungsprogramm und durch eine Geburtenkontrolle ergänzt werden. Aber das europäische Frankreich, das gegenwärtig etwa 300 000 Algerier beherbergt, nimmt seit drei Jahren trotz Arbeitermangels praktisch keine algerischen Einwanderer mehr auf. Ein Emigrationsplan wird außerdem auch deshalb auf zahlreiche Schwierigkeiten stoßen, weil die Algerier sich den europäischen Verhältnissen nur schwer anpassen können.

Die Durchführung dieser oder anderer Entwicklungspläne für Algerien wird weder finanziell noch technisch leicht sein. Man darf jedoch annehmen, daß de Gaulle nicht die endgültige Befriedung des Landes (falls sie ihm gelingen sollte) abwarten wird, um den Frieden in diesem Land auch wirtschaftlich und sozialpolitisch zu untermauern. In Algerien sind nicht nur jahrzehntelange Versäumnisse nachzuholen; diesem Land muß auch ein Expansionsrhythmus verliehen werden, der seinen reichen Bodenschätzen angemessen ist und nicht wie bisher hinter dem der arabischen Nachbarstaaten zurückbleibt. J. K.