A-th, München

Hoch gehen die Wogen der 800-Jahr-Feier der Stadt München. Unübersehbare Mengen von Besuchern aus aller Welt überfluten zu Wagen und zu Fuß die Straßen, die zur großen Überraschung der Einwohner tatsächlich pünktlich in aller Sauberkeit wieder passierbar geworden sind, nachdem sie monatelang bis zur Hoffnungslosigkeit nachdem sen und durchwühlt worden waren. Auch alle noch vorgesehenen Reparaturen und Verschönerungen an Gebäuden und Plätzen, an deren rechtzeitige Vollendung kaum zu glauben war, wurden auf die Minute zum Jubiläumsbeginn noch fertig. Sogar das Wetter, das einige Tage vor dem festlichen Auftakt Anlaß zu Bedenken gegeben hatte, entschloß sich terminmäßig zu strahlender Sonne.

Der glanzvolle Auftakt war für alle ein gleich fesselndes Ereignis: nämlich der nächtliche Festzug am Abend des 13. Juni. Es war der gewaltigste Menschenauflauf, den die Stadt jemals erlebt hat. Nahezu 600 000 Zuschauer waren auf den Beinen, füllten die Tribünen und säumten die Straßenränder. Kein Wunder, daß es dabei zu Zwischen fällen kam, die den Ablauf dez Zuges einmal für ganze 30 Minuten unterbrachen. Die Polizisten waren offenbar für diesen Tag auf unerschütterliche Seelenruhe und absolute Friedfertigkeit verpflichtet. Und das rächte sich angesichts des Massen andrangs, den selbst die kühnsten Optimisten unter den Veranstaltern nicht vorausgesehen hatten.

Der Festzug selbst war aber auch jede Aufregung wert. Der Eindruck der wechselnden Bilder und Gestalten, zwischen Feierlichkeit und Humor oszillierend, war ohne Frage überaus effektvoll. Er imponierte den Fremden und ging manchem guten Münchner zu Herzen. Und schließlich war auch die Störung eine Folge allzu wütender Erlebnisfreude.

Der eigentliche Geburtstag begann mit dem Einläuten der Jubiläumsglocke vom Turme des Alten Peter. Eine feierliche Pontifikalmesse zu Füßen der Patrona Bavariae auf dem Marienplatz, und ein evangelischer Gottesdienst in der Mathäuskirche, bereiteten den großen Festakt im Kongreßsaal des Deutschen Museums vor, zu dem sich sämtliche Würdenträger des bayerischen Staates und der Stadt, von zahlreichen Ehrengästen geleitet, in geschlossenem Zuge zwischen den Spalieren von Schulkindern und Tausenden Schaulustiger begaben.

Der geistige und künstlerische Mittelpunkt diese: Stadtjubiläums zeigt sich in vollem Glanz und zieht die Bewunderung aller Gäste auf sich. Jahrhunderte Bayerischer und Münchner Geschichte haben ihre architektonische Kristallisation in der Residenz der Wittelsbacher gefunden. Das Bauwerk war im letzten Kriege schwer zerstört worden. In hier Stille wurden mehrere Trakte jetzt wieder aufgebaut. Sie werden unter anderem die Bayer: sche Akademie der Wissenschaften beherbergen. Da Herzstück dieser großzügigen Anlage ist das neu eingebaute „Alte Residenztheater“ (Cuvillies-Thea ter) mit seinem überschwenglichen Rokokozierrat seiner betörenden Formen-, Farben- und Lichter pracht. Das allerschönste an diesem Theater ist aber die Tatsache, daß es seine Auferstehung nicht allein dem Kunstsinn eines Finanzministers, son dem dem Opfergeist der Bürger und der begeisterten freiwilligen Leistung vieler junger Künstler verdankt, die monatelang daran gearbeitet haben unter Verzicht auf andere, besser bezahlte Berufsarbeit. Das ist eben München.