Die Welt von 1913 war wie das Athen in den Tagen von Perikles in mancher Beziehung eine mustergültige Zivilisation – wenn man die Tatsache vergißt, daß sie von ihren Segnungen den größeren Teil der Menschheit ausschloß“, schreibt der ehemalige Direktor der Economic Commission for Europe, Gunnar Myrdal, in einem seiner oft angefeindeten Werke. Wenn Myrdal weiter fordert, daß den Völkern, die bisher auf der ökonomischen Schattenseite des Erdballs lebten, Fortschritte im Lebensstandard und ein begründeter Glaube an die Zukunft garantiert werden müssen, so anerkennt er damit nur die Konsequenz einer offensichtlich nicht länger vorhandenen Bereitschaft dieser Nationen, passiv in einem Zustand der wirtschaftlichen Geschichtslosigkeit zu verharren. Wir im Westen mögen hervorheben, daß unsere Hilfsmittel begrenzt sind, und Westdeutschland kann und muß auf seinen noch nicht überwundenen Kapitalmangel hinweisen. Aber diese Beteuerungen erscheinen den zahlreichen afrikanischen und asiatischen Ländern, in denen das Einkommen pro Kopf nicht mehr als fünfzig Dollar im Jahr beträgt, kraft- und saftlos. Dem Westen ist die Aufgabe gestellt, hier zu helfen, denn auch die ökonomisch stichhaltigste Entschuldigung dürfte vor dem Lauf, den die Weltpolitik eingeschlagen hat, keinen Bestand mehr haben.

Premierminister Macmillan hat deshalb während seines Besuchs in den USA die NATO-Staaten zu einer Steigerung der Hilfe an die Entwicklungsländer und zu einem „neuen Weltwirtschaftsdenken“ aufgerufen. Gleichzeitig hat der Präsident der Weltbank, Eugene Black, zusätzliche deutsche Beträge für sein Institut erhalten und außerdem den provisorischen Plan für eine Tochtergesellschaft der Weltbank vorgelegt. „Weshalb“ Weltbank und weshalb noch eine Tochtergesellschaft der Weltbank?“ – diese Frage haben sich nicht nur die Zeitungsleser, sondern auch Finanzfachleute gestellt; und einige unter ihnen würden, den Investitionen auf nationaler Basis gegenüber der Kapitalausfuhr durch internationale Institutionen den Vorzug geben, wobei insgeheim oft der Wunschtraum eines Schulhauses in Indien oder Äquatorialafrika vor dem geistigen Auge erscheinen mag, an dessen Fassade eine Tafel kündet, von welchem Land oder welcher Firma es gebaut worden ist.

Diese Idylle zerschellt jedoch brutal an der schwindelerregend hohen Wand des Kapitalbedarfs der Entwicklungsländer. Ein bescheidenes Programm, das auf eine jährliche Erhöhung des Einkommens pro Kopf der Bevölkerung in den Entwicklungsländern um ein Prozent hinzielt, würde einen jährlichen Investitionsbeitrag des Westens von mindestens sechs Milliarden Dollar erfordern – das Doppelte des jährlichen privaten, staatlichen und Weltbank-Kapitalexportes in unterentwickelte Gebiete während des Zeitraums 1952 bis 1956.

Die Absicht, einen Kapitalbedarf in diesem Umfang durch die bilaterale und unkoordinierte Anstrengung einzelner westlicher Länder zu stillen und zugleich mehr als billige und vergängliche Propaganda-Effekte zu erzielen, ist infolgedessen vollständig illusorisch. Besonders der Bundesrepublik empfiehlt sich vielmehr die Beteiligung an einem multilateralen Pool der Kapitalexporteure, wie ihn die Weltbank darstellt. Die bescheidenen Beträge, die Westdeutschland vorderhand zur Unterstützung der Entwicklungsländer erübrigen kann, werden nur vereint mit den Kapitalien der andern Industrienationen wirklichen Nutzen stiften. Ein deutsches Investitionsprogramm für die Industrialisierung der unterentwickelten Länder wäre dagegen ein aussichtsloser Versuch, der in Verzettelung und Verschwendung scheitern müßte. Sogar die kapitalreichen USA drängen immer mehr auf eine Zusammenfassung aller nationalen Ressourcen.

Internationale Institutionen leisten als Katalysatoren des Kapitalexports in die Entwicklungsländer wertvolle Dienste. Die Weltbank führt mit ihrem Expertenstab neben ihrer Banktätigkeit eine detaillierte Forschungsarbeit über die Entwicklungsprobleme durch und verringert so das Risiko von Fehlinvestitionen. Andererseits sind Weltbank und International Finance Organisation (ihre Schwesterorganisation auf dem Sektor des privaten Kapitalexports) nicht mit der bürokratischen Maschinerie belastet, die den staatlichen Kapitalexport so oft hemmt. Allerdings kann der Weltbank der Vorwurf allzu strenger Kreditbedingungen nicht erspart werden. Zinssätze von 5 5/9 v. H. wie bei der letztjährigen Anleihe an Indien, zu denen noch ein 1-prozentiger Kommissionszuschlag kommt, sind zwar marktgerecht und gleichzeitig gewinnbringend; aber die Finanzierung der Entwicklungsprojekte darf nicht nur nach dem Prinzip der Profitmaximierung erfolgen. Von den unterentwickelten Ländern und ihrem gewaltigen Kapitalbedarf aus gesehen wäre deshalb für eine weniger rentable Tochter der Weltbank noch ein riesiges Arbeitsfeld vorhanden. (Siehe auch den Artikel auf dieser Seite: „Ein neuer Kredit“.) Jacques Stohler