Jedes Wort fand ich richtig, das der sympathische bayerische Ministerpräsident Seidel zur „Feier des Tages der deutschen Einheit“ im Bundestag sagte. Er wies nach, daß Verzicht auf Atomwaffen Unterwerfung bedeute; er bewies an Hand des vielzitierten Buches von King-Hall „Verteidigung im nuklearen Zeitalter“, daß wir nur die Wahl zwischen Freiheit und Unterwerfung haben; er belegte mit Zeugnissen aus sowjetischen Erklärungen und Taten besser, als oft zuvor geschehen, daß wir dem russischen Angebot einer atomwaffenfreien Zone mißtrauen sollten. Aber es war unerhört, die innenpolitische Auseinandersetzung der letzten Monate am „Tag der deutschen Einheit“ fortzusetzen.

Mitglieder der Sozialdemokratischen Opposition waren anwesend und konnten ihre Meinung nicht sagen, weil sie nicht auf der Rednerliste standen – am Tag der deutschen Einheit! An die Sozialdemokraten wandte sich Dr. Seidel, als er sagte, die Erhebung unserer Mitbürger gegen die Machthaber in der Sowjetzone vor fünf Jahren sei ein, ja der wahre Volksentscheid gewesen. Und so richtig dies ist – wie kann man das von unseren Brüdern vergossene Blut mit Schriftsätzen an das Bundesverfassungsgericht vergleichen? Die Feier fing schon beklemmend an. Die Gäste hatten sich versammelt, in der ersten Reihe saß der Oppositionsführer Ollenhauer. Um elf Uhr erschienen Kanzler und Bundesregierung. Die Versammlung erhob sich, unter ihr Ollenhauer, der als Gast behandelt wurde.

Was heißt da Einheit – wenn nicht einmal an diesem Tage Regierung und Opposition sich als Gastgeber zusammenfinden können? Das Arrangement war unbewußt, aber sicher nicht zufällig. Gewiß, daß der Riß so tief geht, daran sind die Sozialdemokraten mitschuldig, denn ihre Reden und Taten in den letzten Monaten ließen glauben, sie hätten das Schisma in Kauf genommen, um Kanzler und Regierung zu stürzen; das rächt sich. Aber der Tag der Einheit war kein Termin, dies anzurühren. Alle anderen Tage – dieser nicht!

Gerd Bucerius