Von A. E. Johann

Auf seinem Weg von Südafrika nach Norden hat unser Weltreisender A. E. Johann in Kenia den Äquator überschritten. Er untersucht heute das sch wierige Verhältnis der Weißen zu den Schwarzen in diesem Teil Britisch-Ostafrikas, in dem an der Oberfläche wieder Ruhe eingetreten ist, nachdem der Mau-Mau-Aufstand zusammenbrach, die Anführer, auch Yomo Kenyatta, hinter Stacheldraht sitzen.

Ob nun die Weißen wie in der Union die Apartheid oder wie in Rhodesien die Partnerschaft auf die politischen Fahnen geschrieben haben – die gesellschaftliche Abschließung gegen die Schwarzen ist unter der Devise „Partnerschaft“ hier wie dort genauso streng. Man verkehrt nicht miteinander, ganz gleich, ober der Schwarze ein Wilder aus dem Busch ist, mit Hüftschurz, Löchern in den Ohren, Bogen und Pfeil, oder ob es sich um einen schwarzen Parlamentarier oder Arzt handelt, dessen Doktordiplom aus Edinburg oder Dublin oder Harvard stammt. Es ist undenkbar, daß ein Schwarzer ein gutes Hotel in anderer Eigenschaft denn als Kellner, Zimmer- oder Lift-„Boy“ betritt – denn „Boys“ bleiben sie, auch wenn sie längst graue Haare haben. Für einen Weißen ist es praktisch unmöglich, einen schwarzhäutigen Afrikaner einzuladen; man kann sich mit ihm bestenfalls in seinen Büroräumen – wenn er über dergleichen verfügt – oder in seinem Hause treffen. Aber man ist nicht imstande, eine Gegeneinladung auszusprechen, es sei denn, man nähme die Proteste der Nachbarn nicht ernst.

Indem ich so handelte, habe ich mich bei vielen Leuten unbeliebt gemacht; das muß ich leider sagen. Aber meine Sitten waren durch meinen Aufenthalt in Staaten wie Ghana, Liberia, dem Sudan und Abessinien „verdorben“. Dort nämlich gehen die schwarzen Leute durchaus souverän und selbstverständlich mit allen Weißen um, mögen sie nun aus Amerika, Schottland oder der Schweiz stammen. Sie verfahren mit ihnen auf dem Boden politischer und gesellschaftlicher Gleichberechtigung. Dieses Erlebnis kommt dem Reisenden, der sich danach in Südafrika, in Salisbury und Lusaka, aber auch zum Beispiel in Kenia, in Nairobi vor allem, aufhält, geradezu gespenstisch vor. Dort überall wird immer noch der „kolonialistische“ Zustand aufrechterhalten; dort wird die Höherwertigkeit des Europäers exerziert.

Ich war nun wieder in Kenia und habe mich umgetan, so gut es die Umstände erlaubten. Zuletzt war ich vor zweieinhalb Jahren in Kenia gewesen, in dem am meisten entwickelten der drei Länder Britisch-Ostafrikas (Tanganjika und Uganda sind die beiden anderen). Diesmal bestürzte mich heftig, wie sehr die gute Stimmung unter den Weißen brüchig geworden war. Manche sagen: Die Stellung ist nicht mehr zu halten; der Anfang vom Ende ist da; und in London hat keiner mehr den Mut, durchzugreifen, hart zu bleiben. So also fühlen sich die Europäer von der Heimat verraten.

Vor zweieinhalb Jahren hatte noch jedermann mit Stolz darauf verwiesen, daß trotz der Emergency, des Notstandes, die Wirtschaft Kenias sich ständig festigte und erweiterte. Im New-Stanley-Hotel sind nicht mehr „die Waffen in der Garderobe abzugeben“. An den Landstraßen warnen keine Tafeln mehr die Autofahrer vor möglichem Beschuß durch „Terroristen“. In Nairobi wurde und wird eifrig an neuen öffentlichen Gebäuden, an Hotels, Appartement-Häusern und gläsernen Büropalästen gebaut. Aber die Geschäftigkeit täuscht. Es ist kein Schwung dahinter. Es glaubt eigentlich niemand daran, daß er noch die Früchte seiner Betriebsamkeit ernten wird.

Der weiße Mann hat sich noch einmal durchgesetzt: Die Mau-Mau-Bewegung ist vernichtet. Ungefähr fünfzehntausend Männer des Kikuyu-Stammes, die sich weder bekehren lassen noch eine Bekehrung vortäuschen wollen, sitzen noch hinter Stacheldraht. Das ganze Volk der Kikuyu ist unter strengste Kontrolle gebracht, in vorgeschriebene große Dörfer nicht weit von Nairobi umgesiedelt, die der Polizei keine Geheimnisse mehr bieten, seiner aufsässigen Anführer beraubt und Mann für Mann nach dem Grade seiner „Zuverlässigkeit“ registriert. In der Stadt Nairobi und im Dienst europäischer Haushalte oder Betriebe werden nur jene Kikuyus zugelassen, die sich „bewährt“ haben. Trotzdem stehen vorzügliche Kaffee-Farmen der Europäer weit unter ihrem Wert zum Verkauf. Hier geht einer fort und dort ein anderer, der Kenia zu seiner zweiten Heimat gemacht hatte. Er geht nach Kanada oder Australien, wo es keine „Eingeborenen-Probleme“ gibt. Die meisten jüngeren Kolonialbeamten fragen sich: „Was machen wir, wenn hier Schluß ist?“