Die vorsichtigere Investitionspolitik, der Abbau der Lagervorräte und die anhaltenden Exportüberschüsse begünstigten die Liquidität der Wirtschaft, die jetzt nach Anlage für ihre flüssigen Mittel sucht und dabei auch zu einem erheblichen Teil auch an die Börse geht. Bei allen Kreditinstituten steigen die Einlagen, während die Kreditforcerungen schrumpfen. Deshalb konnte der große Steuertermin vom 10; Juni, der zunächst einmal rund 5 Mrd. DM in die Staatskassen fließen ließ, für die Börse fast unbemerkt vorübergehen. Aber nicht nur die Lage auf dem inländischen Geld- und Kapitalmarkt ist für die feste Tendenz bei Renten und Aktien verantwortlich, Hinzu kommt das Einströmen ausländischen Kapitals, das in vieler Hinsieht als "Fluchtkapital" bezeichnet werden kann. Es sind aber nicht nur politische Gesichtspunkte, die hier eine Rolle spielen; auch die Tatsache, daß die Bundesrepublik wahrscheinlich die Krise in der Weltkonjunktur relativ gut überstehen wird, lenkt natürlich manchen ausländischen Kapitalbesitzer in die deutschen Aktien, deren Kurse zudem durch die neue Steuergesetzgebung (Senkung des Körperschaftssteuersatzes für ausgeschüttete Gewinne von 30 auf 11 v. H. und Anhebung des Satzes für einbehaltene Gewinne von 45 auf 47 v. H.) sowie durch die in Aussicht stehende Möglichkeit, versteuerte Rücklagen in Aktien umzuwandeln, noch untermauert werden.

Das Zusammentreffen von hoher Liquidität, Einströmen von Auslandkapital und aktionärsfreundlicher Gesetzgebung hat bewirkt, daß der Aktienindex jetzt den höchsten Nachkriegsstand erreichte. In den letzten Tagen zeigte sich deutlich, wie knapp das verfügbare Material bei den Aktien geworden ist. Dazu trugen auch die Investment-Gesellschaften bei, die bei dem flotten Absatz Zertifikate gezwungen waren, ständig Zukäufe vorzunehmen. Unter diesen Umständen konnte es nicht ausbleiben, daß man sich der in den letzten Monaten stark vernachlässigten Montane erinnert, die um etwa 35 Punkte unter ihrem Nachkriegshöchststand vom September 1955 liegen. Als jedoch das verfügbare Material hier ebenfalls vergriffen war, mußte die Käuferseite beträchtliche Konzessionen machen. Plötzlich hinterließen die hartiäckiger denn je von den Gewerkschaften und der SPD vorgebrachten Sozialisierungsforderungen keinen Eindruck mehr; viel wichtiger wurden Nachrichten über eine bessere Beschäftigungslage bei Eisen und Stahl genommen. Außerdem hat der Fall Essener Steinkohle die Phantasie im Montanbereich mächtig belebt. Essener Steinkohle stiegen nach Veröffentlichung des Umtauschangebots (siehe Anzeige in der ZEIT vom 12. Juni 1958) von 125 auf 156 v. H. – Dagegen haben die Mannesmann-Aktien von der "Montan-Hausse" bislang nur wenig profitieren können. In Kreisen der freien Mannesmann-Aktionäre ist man über das Umtauschangebot alles andere als erbaut. Erstens ist man über die Politik der Dementis (die hinterher in einem sehr zweifelhaften Licht erscheinen) verärgert, zum anderen ist man erstaunt, daß die Mannesmann-Verwaltung ihnen zumutet, für Bergwerks-Aktien einen so hohen Preis zu zahlen, obwohl gerade in Kreisen der Zechenunternehmen sehr lautstark über mangelnde Rentabilität der Kohlengruben geklagt wird. Nicht wenige Mannesmann-Aktionäre fürchten, daß sich das großzügige Umtauschangebot nachteilig auf die Dividendenfähigkeit von Mannesmann auswirken könnte.

Ein weiterer Mittelpunkt des Börsengeschäfts waren die "Gratisaktien-Aspiranten", bei denen der Optimismus allerdings Treibhausblüten zu treiben scheint. Der Wunsch der Aktionäre nach Aufstockungsaktien ist sicherlich drößer, als die Bereitschaft der Vorstände, sie ausgeben zu wollen. Es dürfte in den Aufsichtsräten hart um diese Fragen gerungen werden müssen, wobei die Interessen der Groß- und Kleinaktionäre nicht immer auf einer Linie zu liegen brauchen. Favorit aller Gratisaktienanwärter ist Daimler, wo der Kurs vorübergehend auf 615 v. H. stieg, im weiteren Verlauf allerdings auf 600 v. H. zurückgenommen werden mußte. Hier ist der Fall klar: das Unternehmen ist unterkapitalisiert. Eine normale Kapitalerhöhung ist wegen der miteinander im Wettstreit liegenden Großaktionärsinteressen nicht durchführbar, so daß nur eine Umwandlung der Rücklagen in Aktien, die alle Aktionäre gleichmäßig begünstigt, übrigbleibt.

Am Rentenmarkt ist in dieser Woche das Angebot an 7prozentigen Anleihen wieder reichlicher geworden. Es deckte jedoch keineswegs die Nachfrage. Noch immer steht nicht fest, wer den ersten Schritt in Richtung auf den 6 1/2prozentigen Pfandbrief machen wird. Kurt Wendt