Nun also morden sie wieder, die Kremlgewaltigen. Nun fühlt Chruschtschow sich stark genug, seinem grausamen Vorgänger gleich, den Gegner, der sich nicht beugt, zu liquidieren – wie das in der Robotersprache der KP heißt. Zwar wagt er noch nicht, seine Schergen am hellichten Tag einzusetzen, aber vielleicht kommt auch das wieder: Das Verfahren gegen Nagy und Maleter und die anderen ungarischen Freiheitskämpfer wurde heimlich hinter verschlossenen Türen durchgeführt. Niemand weiß, wo – niemand weiß, wann. Vielleicht haben die Kommunisten sich die Verkündung dieser feigen Tat aufbewahrt bis zum 17. Juni, magisch angezogen von diesem Datum, an dem sie schon einmal mit Blut ihre Schriftzüge in das Buch der Geschichte eintrugen. Triumphierend schrieb das SED-Blatt „Neues Deutschland“, eine Berufung gegen dieses Urteil sei zwecklos, weil es bereits vollstreckt wurde.

Wer in der Bundesrepublik plante, diesen Tag – den 17. Juni – beschaulich und lässig zu verleben, so wie irgendeinen arbeitsfreien Tag, den traf das tiefe Erschrecken über jene Nachricht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Es war, als seien sie alle, die damals ihr Leben gaben, noch einmal umgebracht worden. Zu denken, daß, während die Welt dem Koexistenzgeschwätz der Kommunisten lauschte, diese heimlich bei heruntergelassenen Vorhängen jene verurteilten und folterten und hängten, die sie einst mit List und Verrat gefangen hatten: Nagy, weil er sich auf die Zusicherung des freien Geleits verlassen hatte, Maleter, weil er an den Schutz der international respektierten weißen Fahne glaubte.

Wie erbärmlich ist dieses System, das den Aufstand unterdrückter Völker mit Hinterlist, Betrug und Lüge zusammenschlägt, das Panzer gegen Zivilisten, Frauen und Kinder schickt, das nur an Knechte glaubt und nicht an Freie! Dff