Der Hund als literarischer Held ist selten keine Fehlbesetzung. Er ist einerseits der menschlichen Welt, der Vielschichtigkeit ihrer gegenseitigen Verknüpfungen und Trennungen verbunden, andererseits entrückt ihn sein Tiersein allen Verstrickungen und verleiht ihm die absolute Neutralität des Immoralen. Das macht ihn zum idealen Spiegel.

Zur Projektionsfläche für das Ungarn des Jahres 1956 wird die Lebensgeschichte einer weißen Foxterrierhündin in

Tibor Dery: „Niki oder Die Geschichte eines Hundes“; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 145 S., 9,80 DM.

Der Autor, der die Rolle, der ungarische Gorki zu sein, bis zur Tragik ernst nahm, verbüßt zur Zeit eine neunjährige Gefängnisstrafe, weil er „eine auf den Umsturz der staatlichen Ordnung gerichtete Organisation geführt hat“.

Zur Zeit des „Tauwetters“ in seiner Heimat schrieb er diese schlichte, unpathetisch-trocken erzählte Geschichte einer Hündin, die dem Ingenieurs-Ehepaar Ancsa zuläuft und sich mit allem liebenden, maßlosen Egoismus, dessen ein Hund fähig sein kann, in ihr Leben drängt.

Das Dasein der Hündin Niki, alle ihre Lebens- und Gefühlsäußerungen werden mit liebevoller, minutiöser Sachlichkeit und Kennerschaft beschrieben, wie sie jeden Kynologen von Herzen erfreuen.

Und doch ist dieser Bericht von einem Hauch unbestimmter Traurigkeit überdeckt, der ihn in einen ganz anderen Bereich verschiebt. Sein Inhalt ist schnell erzählt:

Der Ingenieur wird verhaftet und nach fünf Jahren genau so unvermittelt entlassen. Seine Frau hat die Zeit durchgehalten, die Hündin Niki ist aber gestorben. Nicht aus übermäßiger Trauer um ihr Herrchen, nicht als Heldin eines Treue-Epos, nur so. Und hier sieht man, daß Tibor Dery gar nicht die Geschichte eines Hundes geschrieben hat, sondern die Geschichte einer Zeit, in der die Tiere sterben dürfen, während die Menschen alles ertragen müssen. u. k.