Von Fritz Westphal

Ob es immer noch zu früh ist, die Zeit, die wir durchlebten – die „tausendjährige“ in des Wortes verteufelt wahrhaftiger Weise – in der großen literarischen Form gültig zu gestalten, im Roman beispielsweise, der mehr sein sollte als ein gut zusammengedrehter Zopf einiger Episoden? Mehr als ein Aufzeigen von Einzelschicksalen auf der einen und dokumentarisch gefestigter Reportage auf der anderen Seite: – mehr als beides zusammen. Alle großangelegten Versuche präsentierten sich bislang – waren sie ehrlich gemeint – bestenfalls als Bericht und sind als solcher allenfalls geeignet, denen, die es miterlebten, die Erinnerung aufzufrischen.

Das Unfaßliche bleibt, eingehüllt in jene Beklemmung, die immer dort auftritt, wo etwas nicht restlos durchgestanden, nicht vollständig durchlebt worden ist; ganz abgesehen davon, daß unser bloßes Wissen über alles das, was mit und durch uns geschah, immer noch höchst bruchstückhaft ist. – Dessenungeachtet erscheinen, nicht zuletzt aufgehetzt durch die Historienmaler der Illustrierten, immer neue, immer dickere Bücher, die sich Roman nennen; hier das jüngste von einem noch sehr jungen Autor:

Klaus Stephan: „So wahr mir Gott helfe“; Verlag Kurt Desch, München; 453 S., 16,80 DM.

Stephan verfolgt, mit offensichtlich stark autobiographischer Absicht, den Weg dreier Jungen aus der Hitlerjugend über Flakhelfer – und Arbeitsdienst zur Großdeutschen Wehrmacht, wobei alles Leben innen und außen, einschließlich des gesamten Inventars, folgerichtig stückweise in die Brüche geht; – sachlich richtig, das sei festgestellt. In der Reihe der nachkriegsdeutschen Kriegsbücher fehlte bislang dieser Aspekt.

In der Verlängerung nach rückwärts erscheint als Vorwurf mit schwachen Konturen Schenzingers „Hitlerjunge Quex“, der sich hier gleichsam einem Läuterungsprozeß zu unterziehen hat. Zu sehr reiner Tor ist Stephans Hans, um glaubhaft zu wirken, zu oft entschuldigt, eine unklare und unerquickliche Mischung aus Kadett und Pennäler, weinendem Jüngling und männlichem Kind. Es wird gern und viel geweint in diesem Buch; über andere Ausdrucksmöglichkeiten für Erschütterungen verfügt der junge, gewiß nicht unbegabte Autor offenbar noch nicht.

Natürlich ist alles vorhanden: der vollfette Gauleiter wie der Oberst wilhelminischer Prägung, das BDM-Mädel als Landsernuttchen wie die völkisch-geile Arbeitsmaid, der schweinigelnde Unteroffizier, der lackstiefelnde Bannführer wie der ideale Fähnleinführer, der anständig saubere Kommandeur und Ritterkreuzträger, der Widerstandskämpfer mit Intellekt... Es gibt, trotz Breite und Länge, gute Szenen, zündende Dialoge, gewiß, aber das Thema dieses Buches, das uns angeht, schleift müde nebenher.