Das ereignisreichste Jahr in der wechselvollen Geschichte der Rheinischen Stahlwerke, Essen, ist nach dem Geschäftsbericht des Unternehmens das Jahr 1957 gewesen, über das jetzt mit einem ausgezeichneten Abschluß in aufgeschlossener Form berichtet wird. Die Neuordnung der Gesellschaft, die sich über sieben Jahre erstreckt hat, fand im Geschäftsjahr 1957 ihr erfolgreiches Ende. Sie begann mit der Auswahl der Konzentrationsobjekte aus dem großen Kreis der Stahlvereinsnachfolger. Der beschrittene Weg hat sich „in Ansehung der Bildung eines gesunden technisch-wirtschaftlichen Verbundes, aufbauend auf einer eigenen Kohlenbasis“, bereits heute nach Auffassung der Konzernleitung als richtig erwiesen. Vorstand und Aufsichtsrat haben darauf geachtet, daß im Zuge der Neuordnung das vertretbare Optimum der Unternehmensgröße nicht überschritten wurde. „Man soll sich keinen zu großen Rock anziehen“, kommentierte dazu Vorstandsvorsitzer Dipl.-Kfm. Werner Söhngen vor der Presse. Der Rheinstahl-Verbund, der im Jahre 1926 durch die Teilnahme der Rheinischen Stahlwerke an der Gründung des Stahlvereins freiwillig aufgegeben wurde, umfaßt in seiner jetzigen neuen Form neben dem Bergbau und den Hüttenwerken mehrere bedeutende Unternehmen der Weiterverarbeitung. In der Weiterverarbeitung beschäftigt Rheinstahl über 50 000 Menschen, d. s. rund 60 v. H. der Gesamtbelegschaft. An dem Gesamtumsatz hat dieser Konzernzweig einen Anteil von über 55 v. H. Die Weiterverarbeitung bildet also im Rheinstahlbereich den Schwerpunkt; dadurch hat das unternehmerische Risiko eine breite Streuung erfahren.

Daß sich dieser Konzernaufbau bereits im ersten Geschäftsjahr nach Beendigung der Neuordnung günstig ausgewirkt hat, zeigt der vorliegende Jahresabschluß. Für die 150 000 Aktionäre bedeutet die insgesamt verbesserte Ertragslage die Ausschüttung einer Dividende von 11 v. H. auf das inzwischen erhöhte Aktienkapital von 370 Mill. DM. Der Konzernvorstand spricht sich ausdrücklich gegen eine Verrentung der Aktie aus und vertritt den Standpunkt, daß der Konjunkturverlauf der Höhe der Dividende seinen Niederschlag finden müsse. Diesem Grundsatz hat Rheinstahl für das Jahr 1957 zweifellos Rechnung getragen. Es wäre zu wünschen, daß auch die weitere Dividendenpolitik des neugeschaffenen Konzerns nach dieser Devise ausgerichtet bleibt.

In der 11prozentigen Dividende dürfte aber zugleich ein gewisser Optimismus für das laufende Jahr seinen Ausdruck gefunden haben. Die bisherige Geschäftsentwicklung in den ersten Monaten des neuen Geschäftsjahres ist trotz einer gewissen Rückläufigkeit in einzelnen Sparten wieder befriedigend verlaufen. Vorstandsvorsitzer Söhngen betonte dazu in einer Pressekonferenz: „Wir machen nicht in Pessimismus.“ Zwar sind auch bei Rheinstahl – mit Ausnahme der Verarbeitungsgruppe – die Auftragsbücher nicht mehr so voll wie gegen Ende des Berichtsjahres, aber die gegenwärtige Marktentwicklung im Gußsektor, – der durch den Nachfragerückgang nach Baugußproduktion besonders von der Flaute, betroffen war –, sei bereits durch einen zügigen Lagerabbau gekennzeichnet, so daß in absehbarer Zeit mit einer Belebung zu rechnen sei. Der Eisen- und Stahlmarkt dagegen kommt in der Beurteilung schlechter weg. Die Lieferzeiten bei Walzwerksprodukten liegen im Rheinstahl-Bereich gegenwärtig bei 4 bis 6 Wochen statt 4 bis 6 Monaten im Vorjahre. Die Rheinstahl-Tochter Ruhrstahl rechnet aber damit, daß sich der Auftragseingang bei Walzwerkserzeugnissen etwa im November dieses Jahres wieder normalisieren wird. Die Verarbeitungsgruppe ist im ganzen gesehen weiterhin gut beschäftigt, trotz eines spürbaren Rückschlags in der Werkzeugmaschinenbranche. Die Umsätze konnten gegenüber dem Vorjahr weiter gesteigert werden, und der gesamte Auftragsbestand der Gruppe liegt um 80 Mill. DM höher als vor einem Jahre.

Im Berichtsjahr hat sich der Bruttoumsatz des Konzerns um 12,1 v. H. auf 2,8 (2,5) Mrd. DM erhöht. Der Exportanteil liegt mit 20,9 (17,4) v. H. ebenfalls über dem Stand des’Jahres 1956. Wie bereits erwähnt, entfällt der Löwenanteil des Rheinstahlumsatzes auf die Weiterverarbeitung, während der Bergbau, der jahrzehntelang der einzig aktive Produktionszweig des Unternehmens war, nur noch 12 v. H. des Gesamtumsatzes bestreitet. Auch ein Umsatzvergleich der einzelnen Rheinstahlunternehmen mit den Vorjahrsziffern veranschaulicht die bedeutende Rolle der Weiterverarbeitung für den Gesamtkonzern. Die Rheinstahl Nordseewerke GmbH hat ihren Umsatz von 94,8 auf 150,2 Mill. DM erweitern können.

Die Investitionen haben mit 173,8 (168,3) Mill. DM Sie Vorjahresziffern wiederum überschritten. In diesem Betrag sind die ersten Anzahlungen auf die im Bau befindlicheneigenen Seeschiffe enthalten, die im Laufe dieses Jahres fertiggestellt werden und zum Einsatz kommen. Der Rheinstahl-Bergbau ist an dem Gesamtbetrag mit 24,8 (31,2) Mill. DM und die eisenschaffenden und -verarbeitenden Betriebe mit 138,1 (136,4) Mill. DM beteiligt. Die Bergbau-Sonderprojekte – die Erschließung des Grubenfeldes Nordlicht-West und der Bau eines Kraftwerkes in Marl – haben in den vorjährigen Investitionszahlen noch keinen Niederschlag gefunden. Neben den Abschreibungen in Höhe von 121,5 (122,8) Mill. DM sind neue langfristige Mittel, u. a. auch aus der Kapitalerhöhung, zur Finanzierung herangezogen worden. Rheinstahl hat nicht nur mit seiner Dividende eine Außenseiter-Position in der Montanindustrie belogen. Auch die Investitionen werden im Gegensatz zu anderen Montankonzernen im Rheinstahl-Bereich nicht gekürzt werden. Im laufenden Jahr wird die Summe des Berichtsjahres eher überschritten werden, vor allem wegen der in Angriff zu nehmenden Bergbau-Projekte. Das Hauptaugenmerk wird bei den weiteren Investitionen, die für die nächsten drei Jahre planmäßig mit etwa je 200 Mill. DM durchgeführt werden sollen, auf Maßlahmen der Rationalisierung gelegt werden. Ein Ausbau der Stahlbasis ist bei Rheinstahl noch nicht akut, aber wie uns versichert wird, „irgendwann notwendig“. Dagegen ist die Verbreiterung der Kohlengrundlage mit der Aufschließung des Nordlicht-Feldes – in Angriff jenommen worden.

Die Entwicklung der Ertragslage des Konzerns entspricht in großen Zügen der Geschäftsausweitung. Lediglich der Rheinstahl-Bergbau hat eine Erlösverschlechterung hinnehmen müssen und ist damit aber auch kein weißer Rabe an der Ruhr. Die eisenschaffenden und Gießerei-Betriebe der Gruppe konnten insgesamt bei gestiegenen’ Material- und Lohnkosten ihre Ergebnisse verbessern, im wesentlichen auf Grund der Umsatzausweitung und des vorübergehend günstigen Auslandgeschäftes in Walzprodukten. Außerdem führte der Fortfall weiterer Zuweisungen zu den Pensionsrückstellungen zu einer Entlastung der Ergebnisrechnung. In gleich günstiger Position befindet sich die Verarbeitungsgruppe, deren Ertragsentwicklung in 1957 ebenfalls in etwa mit den gestiegenen Umsätzen Schritt gehalten hat. Partielle Einbußen konnten bei der Vielgestaltigkeit der Programme aufgefangen werden. Nmn.