-o-o-Dortnund

Der Leiter der Ausstellung Wohne und lebe zeitgemäß in der Dortmunder Westfalenhalle, Fritz Hang, hatte einen besonderen Einfall: Er ließ eine Gläserne Wohnung aufbauen, in der eine imaginäre „Familie Meyer“ das Leben bundesdeutscher Durchschnittsbürger mit mittleren Einkommen demonstrieren sollte.

Während man indes bisher bei ähnlichen Gelegenheiten als Bewohner eines solchen Glashaus-Idylls Schauspieler-Ehepaare oder Studenten mit mimischer Begabung engagiert hatte, sollte in Dortmund alles „echt“ sein. Die 70 000 Ausstellungsbesucher, die der „Familie Meyer“ eiren Besuch abstatteten, hätten es sich ebensowenig wie der Manager Haug träumen lassen, daß das tragikomische Finale zu echt sein würde: Das „einmalige Experiment“ endete mit einem handfesten Krach um das „Wirtschaftsgeld“, einen sehr naturalistischen Nervenzusammenbruch der „Frau Meyer“, einem in die Zuschauermenge gefeuerten Küchenstuhl und einer Rechnung über 75 DM, „betreffend zerbrochenes Porzellan“.

Der erste Akt dieses Familiendramas begann erfolgverheißend: Heerscharen von Reporten umringten die „Gläserne Wohnung“, unzählige Blitzlichter flammten auf und die Scheinwerfer der Fernsehkameras richteten sich auf „Frau Meyer“, die zum erstenmal in ihrem bisher wenig bevegten Leben in ein Mikrofon sprach. Herr Haug hatte Wort gehalten und eine echte Dortmunder Hausfrau, die Gattin eines Versicherungsangestellen mit Durchschnittseinkommen, zur Herrin seines Glaspalastes gemacht.

Er schien damit einen glücklichen Griff getan zu haben, denn die engagierte „Frau Meyer“ war in ihrem privaten Dasein tatsächlich eine Musterhausfrau, in deren Heim alles tipptopp ist. Die blonde 36jährige Frau war dazu noch intelligent und hübsch, ihr konnte der Ausstellungsleiter eine solche Rolle also getrost überlassen.

Der zweite Akt zeigte „Frau Meyer“ in Aktion. Schließlich sollte in der Ausstellung ganz normales Leben, typischer Alltag gezeigt werden. „Frau Meyer“ putzte und kochte, ihre beiden 12- und 14 jährigen Töchter gaben sich ihrem Freizeit – Hobby hin, sie musizierten und zeichneten, und abends nach Dienstschluß kam Vati nach Hause, setzte sich an den Abendbrottisch und griff zur Zeitung .. Das einzig Anomale: Zehntausende (am Rekordbesuchstag waren es allein 23 000) konnten „Meyers“ in die Töpfe gucken, und zwar nicht nur durch die gläsernen Außenwände der Wohnung, sondern auch von einem Laufsteg herab, der über die deckenlose Wohnung führte. Obwohl die nette „Frau Meyer“ versicherte, kein Lampenfieber zu haben, erwies sich dieses Zurschaustellen doch sehr bald als ziemlich nervenaufreibend, wenn das von der Akteurin auch nicht zugegeben wurde. Im dritten Akt machte sich die Krise bereits bemerkbar. Streitobjekt: das liebe Wirtschaftsgeld. „Frau Meyer“ bekam eine Tagesgage von 30 Mark (zu denen hinterher als Pflästerchen noch ein 5-Mark-Schein kam), außerdem 12 Mark „Wirtschaftsgeld“. Dazu erklärte hinterher „Frau Meyer“: „Ich wollte wirklich einem modernen Haushalt vorstehen. Alles sollte den persönlichen Geschmack einer kultivierten Hausfrau verraten. Schon in den ersten Ausstellungstagen habe ich in der Gläsernen Wohnung 500 Gäste mit Getränken und Häppchen bewirtet. Da reichte das Wirtschaftsgeld nicht aus... Aber meine Gastfreundlichkeit kam doch nur der Ausstellung zugute!“

Herr Haug ist anderer Meinung: „Frau Meyer hatte sich in ihre Rolle allzusehr hineingesteigert. Sie fühlte sich als Mittelpunkt. Sie erachtete es beispielsweise für notwendig, auf Kosten der Ausstellungsleitung neue Kleidung für sich, ihren Mann und ihre Kinder zu bestellen, obwohl die Familie auch so sehr nett in dem Glashaus wirkte. Frau Meyer wollte einen Kosmetiksalon aufsuchen, ich aber wollte eine ungeschminkte Musterhausfrau. Naja, und dann repräsentierte eben Frau Meyer ein bißchen zuviel. Das lag im Etat nicht drin...“