London‚ im Juni

In England fanden soeben wieder fünf Nachwahlen statt. Die konservative Regierungspartei verlor labei zwar keine Parlamentssitze (wie im Frühahr), mußte aber wiederum erhebliche Stimmeinbußen hinnehmen.

So kommt Ministerpräsident Harold Macmillan Aus den Sorgen nicht heraus. Seit Monaten verging zudem kein Tag, an dem nicht irgendeine Gewerkschaft streikte. Die Forderungen von sieben Millionen Arbeitnehmern bedrohen das Lohngefüge und damit die Anti-Inflationspolitik der Regierung, Wenn es ihm nicht gelingen sollte, diese Entwicklung zu stoppen, so könte er sich sehr bald gezwungen sehen, das Parlament aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben – obwohl seine Amtsperiode Eigentlich erst in gut einem Jahr abläuft.

Wie weit trifft den Premierminister persönlich die Schuld an der Misere der konservativen Regierung? Was geht hinter der stolzen Tory-Maske, hinter den halbgeschlossenen Lidern und kühlblickenden upper class-Augen in ihm vor? Selbst in diesen schwierigen Tagen hat so manher, der mit ihm zusammentraf, den Eindruck nitgenommen, Macmillan sei keineswegs für ie verfahrene Lage verantwortlich, ja, er habe eigentlich mit der Regierung nicht das geringste zu tun...

In der Tat hat England kaum jemals zuvor einen so sehr aus der Distanz regierenden Premier gehabt. Sein Vorgänger Eden war immer auf dem Sprung und telephonierte alle Augenlides mit seinen Ministern; jedes Wort der Kritik traf ihn ins innerste Mark. Unter Macmillan hingegen vergehen manchmal Wochen, in denen eine Regierungskollegen kaum mit einem einzigen Wort von ihm behelligt werden. Gelegentlich ruft er sie einzeln zu sich, aber in der Regel treffen sie ihn nur bei den Kabinettssitzungen.

Wie drückend auch die Bürde der täglichen Amtsgeschäfte sein mag – jeden Abend versenkt ich Macmillan eine Stunde lang in Lektüre. So hat er in den letzten vier Monaten Froudes zwölfbändige Geschichte Englands durchgearbeitet; schließlich war er lange genug Verleger und hätte durchaus das Zeug für einen Gelehrten. Als typischen Intellektuellen fällt es ihm denn auch nicht schwer, seine eigene Regierungsführung völlig objektiv zu betrachten. Das Bewußtsein der Macht ängstigt ihn nicht. Im Gegenteil: seit er vor Fast anderthalb Jahren die Regierung übernahm, ist er seiner Umgebung zusehends heiterer und aus – geglichener erschienen. Er ist mit jeder Faser seines Leibes Politiker: Er liebt die taktischen Manöver und die Finessen des politischen Spiels. Und er ist wohl einer der fähigsten Männer, die in diesem Jahrhundert an der Spitze der englischen Regierung standen.

Als er sein Amt antrat, hielt Macmillan es selbst für fraglich, ob er sich länger als einen Monat würde halten können. Die Suez-Affäre hatte England und die Konservative Partei gespalten, und zunächst einmal mußte der Premier die Einheit der Partei wiederherstellen. Dann aber stand er vor der Aufgabe, Edens Politik allmählich zu liquidieren und besonders die anglo-amerikanische Allianz wiederaufzurichten.