Während er in die eine Richtung wies, steuerte er wacker auf entgegengesetztem Kurs und hoffte das beste. Auf den Bermudas traf er mit Eisenhower zusammen und kittete den Bruch mit den USA; zu Hause aber gelang es ihm, den linken und den rechten Flügel seiner Partei wieder zu versöhnen, und seitdem ist er dabei, allmählich ein neues Verhältnis zu der von Nasser geführten arabischen Welt zu finden – ein Verhältnis, das nicht mehr auf den imperialistischen Grundsätzen des Jahres 1858, sondern auf. den kommerziellen Prinzipien des Jahres 1958 basiert.

Anpassung an die Welt von heute – das ist überhaupt die Losung, die Macmillan seiner Partei unablässig einhämmert. Das Großbritannien des 19. Jahrhunderts sei ein historischer Glücksfall gewesen – so seine ständige Rede. In der Tat: Englands Stellung unter den Mächten war immer außerordentlich prekär. Es ist durch seinen Geist, nicht durch seine Waffen groß geworden.

Indien, das Macmillan auf seiner Rundreise durch das Commonwealth im vergangenen Winter besuchte, hat Macmillan zutiefst beeindruckt. Selbst die Ideen und Ideale Nehrus, den die meisten Konservativen als einen heuchlerischen Langweiler betrachten, imponierten ihm. Zum erstenmal ist ihm in Neu-Delhi aufgegangen, was es eigentlich mit der politischen Vorstellungswelt der blockfreien Nationen auf sich hat. Es war mithin kein Zufall, daß er gerade dort erstmals ernsthaft den Gedanken einer Gipfelkonferenz ventilierte.

Freilich, an den Wahlurnen zählt all das nicht viel. Eine schlechte Außenpolitik stößt die Wähler ab, doch eine gute bringt keine Stimmen ein. Und was hat Macmillan in der Innenpolitik, wo er einen Konservatismus des goldenen Mittelweges vertritt, schon erreicht? Ein Mietgesetz, das den Hauswirten etwas größere Bewegungsfreiheit gibt; eine geringe Steuerermäßigung für die Geschäftsleute; schließlich, in den letzten Monaten, einen kleinen Erfolg bei der Bekämpfung der Inflation. Aber vor der "entscheidenden Auseinandersetzung" mit den Gewerkschaften, auf die der rechte Flügel seiner Mannschaft drängt, scheut er zurück. Sein Erfolgskatalog erweckt in keinem der Tories vom alten Schrot und Korn das Gefühl, die gute, alte Zeit sei wieder da ...

Seine Mitarbeiter respektieren den Premier ob seiner Gescheitheit und Geschicklichkeit und auch wegen seiner Charakterstärke. Schließlich ist Macmillan immer im Recht gewesen. Er hat von allen englischen Politikern so ziemlich die sauberste Weste, sein Urteil erwies sich stets als richtig: über Hitler, die Arbeitslosigkeit in den dreißiger Jahren, die indische Unabhängigkeit (der sich Churchill widersetzte), über Rußland und über das Bündnis mit Amerika.

Wenn er auch wie ein eingefleischter Tory aussieht – er ist keiner. Sein Großvater war ein kleiner schottischer Hintersasse, und der Premier hat das nicht vergessen, obwohl er vor langem schon in eine der stolzesten englischen Familien – die der Herzöge von Devonshire – eingeheiratet hat. Vom ersten Weltkrieg hat er noch so sehr die Nase voll, daß er einen dritten unter allen Umständen verhindern will. Jahrelang vertrat er überdies einen nordenglischen Wahlkreis, in dem die bitterste Not zu Hause war, und wenn er heute davon spricht, daß die Vollbeschäftigung aufrechterhalten werden müsse, so meint er das aufrichtig. In früheren Zeiten wäre er vermutlich eher ein liberaler als ein konservativer Parteiführer geworden.

Aber über den inneren Kreis seiner Partei hinaus hat sich Macmillan bisher nicht durchsetzen können. Im Grunde ist er ein zurückhaltender, empfindsamer und scheuer Mensch. Er war entsetzt, als ein Bild von ihm veröffentlicht wurde, auf dem er eine Versammlung in der Downingstreet mit ausgebreiteten Armen begrüßte. Zwar wird er durch den Fernsehschirm, wo seine geistige Wendigkeit beeindruckt, nach und nach bekannt. Aber der Mann auf der Straße ist sich dennoch kaum bewußt, daß Macmillan Ministerpräsident ist: Er kann sich kein Bild von dem Premier machen.