Die Zinssätze, die die Banken ihrer Kundschaft berechnen, entwickeln sich bei uns in Westdeutschland nicht nach Angebot und Nachfrage; sie werden vielmehr auf Grund der Bestimmungen des Kreditwesengesetzes durch die Bankenaufsichtsbehörde der Länder, die im Einvernehmen mit der Bundesbank handelt, administrativ festgesetzt. Das geschieht in der Regel nicht, ohne daß die Gruppenvertretungen der verschiedenen Geschäftsbanken gehört werden.

In letzter Zeit ist es immer schwieriger geworden, die Auffassungen der Geschäftsbanken auf einen Nenner zu bringen. Die Sparkassen unterstreichen den kapitalähnlichen Charakter der Sparguthaben – vor allem soweit sie längerfristig sind – und treten entsprechend für einen Sparzins ein, der in einem angemessenen Verhältnis zu der Rendite festverzinslicher Wertpapiere steht. Die übrigen Geschäftsbanken betonten dagegen den Geldcharakter der Termineinlagen. Sie stellen sich auf den Standpunkt, daß die Sätze für Termindepositen den Geldmarktsätzen anzupassen sind. Praktisch besagt dies, daß die Zinssätze der Termingelder entsprechend den Bewegungen der Diskontrate herauf- und herabgesetzt werden sollten.

Bisher konnten sich die von Haus aus starken Sparkassen mit ihrer Auffassung weitgehend durchsetzen. Heute werden Spareinlagen mit einer vereinbarten Kündigungsfrist von zwölf Monaten und darüber mit 5 v. H. und entsprechend fristige Kündigungsgelder mit 4 1/2 v. H. verzinst. Im Sommer 1953, also in der Zeit, in der der Diskontsatz wie heute 3 1/2 v. H. betrug, lagen die entsprechenden Sätze bei bzw. 3 1/2 v. H. Die Habenzinsen sind den Änderungen des Diskontsatzes nicht gefolgt. Praktisch werden zu hohe Zinsen gezahlt, und zwar auch im Verhältnis zu der Effektivrendite festverzinslicher Wertpapiere. Wenn man nach der letzten Diskontsenkung im Januar und der damit verbundenen neuen Habenzinsenregelung sich hierüber noch streiten konnte, so ist das jetzt, nachdem eine Rentenhausse hinter uns liegt, sicherlich nicht mehr am Platze. Die Folge ist, daß auf den Sparkonten und Termineinlagen mehr Geld steht, als es bei einem freien Marktgeschehen der Fall wäre. Das sieht die Bundesbank nicht gern. Aus ihren letzten Berichten ist zu erkennen, daß sie, aus gesamtwirtschaftlichen Gründen, die Zeit für eine Herabsetzung der Habenzinsen für gekommen hält.

Es spricht in der Tat vieles, sowohl das privatwirtschaftliche Interesse der Geschäftsbanken, die schon lange über eine zu geringe Zinsspanne klagen, wie auch allgemeinwirtschaftliche Gesichtspunkte für eine Herabsetzung der Habenzinsen, und zwar vor allem bei den längerfristigen Geldern. Erfreulicherweise gibt es nun auch Anzeichen dafür, daß die Sparkassen nicht mehr so starr auf ihrem Standpunkt beharren. Die ersten Besprechungen im Zentralen Kreditausschuß – dies ist das Gremium, in dem die verschiedenen Bankengruppen ihre Auffassungen anzugleichen versuchen – haben bereits zu einer Annäherung der Standpunkte geführt. Abschließende Besprechungen sind für Ende des Monats vorgesehen.

Wenn die Sparkassen bereit sind, ihre Pflöcke etwas zurückzustecken, so ist dies wohl nicht allein auf den Druck zurückzuführen, dem sie sich ausgesetzt sehen. Es scheint vielmehr, daß auch bei ihnen das Aktivgeschäft schwieriger und die Zinsspannenfrage aktueller geworden ist. Es zeigt sich erneut, daß trotz aller administrativen Bindungen sich die Markttendenzen durchsetzen. Die Markttendenz ist auf absinkende Zinssätze, und zwar sowohl im Geld- wie im Kapitalmarktbereich, gerichtet. Dem kann sich auf die Dauer keine Bankengruppe entziehen. Und das ist gut so. Werden die Habenzinssätze in den Vorhöfen des Kapitalmarktes, also bei Spar- und Termineinlagen, herabgesetzt, dann fließt von hier aus mehr Geld in die Wertpapieranlage und gibt der Rentenhausse, die ja nur ein besonderer Ausdruck der Zinssenkungstendenzen ist, erneuten Auftrieb. W. Ringleb