S. L., Berlin, im Juni

Ungewöhnlich sanfte Töne gegen die „bürgerlichen“ Hochschulprofessoren der Sowjetzone hat Walter Ulbricht vernehmen lassen, als er vor dem Zentralkomitee der SED die Parteifunktionäre an den Universitäten aufforderte, sich „loyal und freundschaftlich“ gegenüber jenen Gelehrten zu verhalten, „die im kapitalistischen System aufgewachsen sind und wissenschaftlich gearbeitet haben“. Man müsse, erklärt der Parteisekretär, mit diesen älteren Herren „sehr große Geduld“ haben, man dürfe ihre wissenschaftliche Arbeit nicht „durch unnötige Beanspruchung stören“. Kurzum: Nach Ulbrichts neuester Weisung sind die Gelehrten mit Samthandschuhen zu behandeln.

Daß durch dieses taktische Manöver das Ziel der SED-Hochschulpolitik nicht im geringsten geändert wurde, zeigt Ulbrichts Satz von der „sozialistischen“ Hochschule, in der „sozialistische Erziehung mit den fachlichen Erfordernissen in Einklang gebracht werden“ müsse.

Es ist die Flucht so vieler Professoren, die den SED-Chef zur Aktion trieb, denn es kann ihm nicht daran gelegen sein, daß die Universitäten von Fachgelehrten entblößt werden und nur linientreue, doch fachlich unbrauchbare Funktionäre zurückbleiben. Daher die plötzliche Einsicht, daß „mehr Ruhe für die wissenschaftliche Arbeit“ nötig ist. Daher die Rüge für die Funktionäre, sie hätten „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“ und sich an den Universitäten „mehr mit Agitation beschäftigt, als das im gegenwärtigen Stadium und für die gesamte Arbeit dort nützlich ist“.

Die Wörter „nützlich“ und „im gegenwärtigen Stadium“ sind bemerkenswert. Denn was der älteren Generation verziehen werden muß, bleibt nicht ungestraft für die jüngeren Wissenschaftler; Und so sagt Ulbricht ausdrücklich: „An die Dozenten und Assistenten, die nach 1945 an unseren Hochschulen ausgebildet werden, stellen wir andere Anforderungen. Wir erwarten, daß sie systematisch bestrebt sind, Sozialisten und tüchtige Facharbeiter zu werden“.