C.W., Zwickau

Im vorigen Jahrhundert protestierte (nicht zuletzt im Industrieland Sachsen) die Arbeiterschaft gegen die Kinderarbeit in Fabriken und in der Heimindustrie. Heute kehrt die Kinderarbeit nach Mitteldeutschland zurück, und die Chemnitzer Kommunisten können von sich sagen, sie seien mit unter den ersten gewesen in ihrem Bezirk, die sich dafür eingesetzt haben. Soeben ist einer von ihnen, der SED-Kultursekretär des Bezirks, Lorenz, Staatssekretär im Pankower Volksbildungsministerium geworden. Sein Vorgänger, Laabs, hatte sich bisher der Einführung der Kinderarbeit hartnäckig widersetzt. Er mußte gehen...

Natürlich spricht man in den SED-Kreisen nicht von „Kinderarbeit“. Das, was auf der Schulkonferenz der SED kürzlich in Berlin-Ost beschlossen wurde, heißt Polytechnische Bildung. Im Stadtkreis Zwickau sieht diese ganz neuartige Form der „Bildung“ so aus: Die Einführung des wöchentlichen Arbeitstages für Kinder stößt noch auf viele Hindernisse. Die Staatsbetriebe weigern sich zum Teil, die Schüler und Schülerinnen aufzunehmen. Die Vorbereitung des sogenannten „Praktikums“ in den Sommerferien läßt sich dagegen leichter an.

Sehen wir uns an, wie der wöchentliche Arbeitstag zum Beispiel in der Zwickauer Alfred-Leuschke-Schule gehandhabt wird: Die Schüler der 9. Klasse arbeiten einen Schultag wöchentlich auf der Kolchose Mitschurin. 7 Brigaden werden aus den Schulkindern gebildet, die je ein Brigadier leitet. 2 Brigaden leisten Feldeinsatz, je eine arbeitet in der Gärtnerei, der Geflügelzucht und in den Ställen. Eine weitere ist im Obstbau tätig, die siebente im Maschinenpark. Nach einem bestimmten Zeitraum wird gewechselt.

Die Schüler der 10. Klasse bilden 2 Brigaden, die bei der Staatlichen Bau-Union eingesetzt werden. Die 5. und 6. Klassen arbeiten einen Wochentag im Rahmen des „Nationalen Aufbauwerks“. Also: Ziegelklopfen, Unkraut in den Staatsgärten jäten, Flugzettel verteilen und ähnliche Arbeiten. In der 7. Klasse wird der Schüler im „produktionsgebundenen Werkunterricht“ beschäftigt. Das heißt: er fertigt für die Staatsbetriebe einfache Gebrauchsgegenstände an. Die 8. Klassen und die Oberschüler werden in den Staatsbetrieben beschäftigt.

Der wöchentliche. Arbeitstag der Kinder dauert vier bis fünf Stunden, und das Ferienpraktikum dehnt sich über drei Wochen aus. Hinzukommt noch das obligatorische zweiwöchige Zeltlager zur vormilitärischen Ertüchtigung...