Wien, im Juni

Es hätte ein schönes, ruhiges Jahr werden können in Wien – keine Präsidentenwahl, keine Nationalratswahl, keine Landtagswahl, nichts. Aber da mußte Johann Haselgruber kommen und der Skandal um sein Eisenwerk in Sankt Andrä-Wörden – der größte Koruptionsskandal der zweiten österreichischen Republik.

„Ein Kerl, dieser Haselgruber – der war schon immer so ein Abenteurer“ sagen die Wiener. Frei nach dieser Geschichte, die sie einander in der schlimmen Zeit gern erzählten: Da gab es drei Brüder, der eine war Bandenführer in Malaya geworden, der andere hatte sich auf die Bekämpfung von ölbränden spezialisiert, der dritte ist in Wien geblieben ... der war schon immer so ein Abenteurer!

In jener schlimmen Zeit hatte Haselgruber im Schrotthandel und bei Geschäften zwischen Ost und West soviel verdient, daß er sich ruhig in Lausanne auf ein Millionenkonto in Schweizer Franken hätte zurückziehen können. Doch wählte er nicht Lausanne, sondern Andrä-Wörden: Er baute dort ein Stahlwerk.

Solange der Stahl knapp war, ging alles gut. Haselgruber, der so aussieht, wie die dicken Nachtlokalbesitzer in den Filmen aussehen, lieferte prompt, aber gegen hohen Aufschlag. So können auch unrationell angelegte Stahlwerke existieren. Allerdings nur, solange Stahl eben knapp ist. Als er weniger knapp wurde, kam Haselgruber auf eine andere Idee.

Er muß wohl einmal gehört haben, daß von jemandem gesagt wurde: „Er schuldet seiner Bank soviel, daß sie ihn gar nicht sterben lassen kann.“ So beschloß er, unsterblich zu werden, und wählte dazu die Girozentrale der österreichischen Sparkassen. Dort werden die Spargroschen des kleinen Mannes im allgemeinen peinlich genau verwaltet; wie peinlich genau, davon wissen die kleinen Darlehenswerber ein Lied zu singen. Im Falle Haselgruber muß es freilich weniger strikt zugegangen sein: nach relativ kurzer Zeit schuldete er der Giro-Zentrale an die 200 Millionen Schillinge (rund 33 Millionen DM).

Diese für Österreich sehr beträchtliche Summe investierte er allerdings nicht nur. Er benutzte sie auch dazu, die gefährlichsten Löcher in seiner Bilanz zu stopfen. Und um immer weitere Kredite zu erhalten, immer. neue Löcher zu stopfen und immerfort die höchsten Löhne der Stahlindustrie zahlen zu können, hielt Haselgruber sich an die Politiker und schanzte ihnen Millionenbeträge zu – den Politikern der Österreichischen Volkspartei und auch den Politikern der Sozialdemokratischen Partei Österreichs.