Von Erwin Topf

Wie war es damals, vor zehn Jahren? Unvergeßlich bleibt vor allem das Bild, das die Hamburger City bot, und ähnlich wohl auch jede andere westdeutsche Großstadt. Hier, in den erst notdürftig wieder hergerichteten Geschäftsstraßen, die vordem sonntags völlig verwaist gelegen hatten, drängten sich jetzt die Menschen in schweigender Prozession vor den Schaufenstern, wo nun endlich wieder einige Waren zum Verkauf standen. So begann es am 27. Juni, dem ersten Sonntag nach der Währungsreform, und so blieb es an allen folgenden Sonn- und Feiertagen. Man wollte das Angebot prüfen, die Preise vergleichen, um mit dem neuen Geld, das ja so knapp war, nach reiflicher Überlegung tags darauf bei jenen Dingen, die es nun endlich wieder "markenfrei" und ohne Bezugsschein gab, das Richtige so günstig wie möglich einkaufen zu können.

Waren die Menschen damals etwa unzufrieden? Gewiß nicht! Sie empfanden den neuen Zustand, bei dem es endlich wieder Auswahlmöglichkeiten gab und nicht nur (in völlig unzulänglichen Mengen) "zugeteilte" Ware, geradezu als eine Erlösung. Damit, daß für die "Grundlebensmittel" noch das alte Markensystem weiter in Geltung blieb, fand man sich verhältnismäßig leicht ab: weil ja einige Dinge – wie Eier, Gemüse und Obst – bereits markenfrei zu haben waren, und weil zudem die begründete Hoffnung bestand, daß über kurz oder lang alle Lebensmittel freigegeben würden. Der Marshall-Plan war bereits angekündigt; man wußte, daß erhebliche Einfuhren (an Rohstoffen, aber auch an Lebens- und Genußmitteln) kommen würden; man sah, wie die Verkehrs- und Transportmöglichkeiten, nach einem mühselig-allmählichen Anlaufen, immer besser in Gang kamen – und schließlich wuchs ja auch im eigenen Land eine gute Ernte heran. Nein: unzufrieden waren die Menschen wirklich nicht... anfangs.

Das kam erst später, in den nächsten Monaten, als die "freien" Preise in Bewegung geraten waren und nun immer weiter tüchtig anstiegen – bis dann Anfang 1949 die Gegenbewegung einsetzte: kräftig und wirkungsvoll, jedoch vom großen Publikum (wie immer in solchen Fällen) kaum wahrgenommen. Damals kam das Wort auf: wir alle hätten ja am 20. Juni mit den gleichen 40 D-Mark Kopfgeld angefangen; wir alle seien "gleich arm gewesen", und wenn sich nun zeige, daß es wieder reiche und arme Leute gebe, "Sachwertbesitzer" und "Habenichtse", so sei damit ja wohl evident, wie absolut ungerecht das Prinzip der sogenannten sozialen Marktwirtschaft sich ausgewirkt habe. Schließlich riefen die Gewerkschaften zum "Generalstreik gegen die Teuerung" auf. Er dauerte einen Tag – und änderte (natürlich!) gar nichts.

Soll und darf man heute eigentlich noch an diese unerquicklichen und längst überwundenen Begleitumstände erinnern – an die Geburtswehen einer wirtschaftlichen Entwicklung, die danach zu großen und nun auch allgemein anerkannten Erfolgen geführt hat? Der Autor meint: man soll es nicht nur – man muß es sogar. Denn aus der malaise jener Zeit (insbesondere aber aus dem Versäumnis, daß der spießbürgerlich-verdrossenen Maulhängerei von damals nicht rechtzeitig mit kräftiger Aufklärung begegnet wurde!) ist bei uns im Lauf der Jahre ein regelrechter seelischer Komplex geworden. "Regelrecht" auch insofern, als er aus Verdrängungsvorgängen erwachsen ist. Nämlich einerseits aus einem vielfach ins Unbewußte abgesunkenen (und im übrigen höchst unklar gebliebenen) Schuldgefühl der "Besitzenden". Und andererseits, bei den "Stiefkindern des Wirtschaftswunders": aus dem Nicht-wahr-haben-Wollen der Erfolge eines Währungs- und Wirtschaftssystems, das "eigentlich" (wie man meinte) geradezu zwangsläufig hätte scheitern müssen.

Wir haben es ja doch erlebt, daß sehr ehrenwerte Männer zu uns auf die Redaktion gekommen sind, um uns mit beschwörenden Worten aufzufordern: wir sollten "den Schwindel aufdecken", der – das war also im Herbst 1948 – in der Währungspolitik im Gange sei. Oder dann später, noch Mitte 1950: man müsse doch endlich dem Volke vor Augen stellen, wie hohl und verlogen dieser unmittelbar vor dem Zusammenbruch stehende faule Wirtschaftswunderzauber eigentlich sei... Diese Revolte ökonomischer Halbbildung und rechthaberisch aufgeblasener Einsichtslosigkeit gegen notwendige Eingriffe und zwangsläufige Entwicklungen reicht mit ihren Anfängen bis in die Zeit vor der Geldumstellung (oder, wie wir gewöhnlich sagen: der Währungsreform) zurück.

Es werde auch ohne einen Geldschnitt abgehen, so argumentierten viele Praktiker: Die Produktion werde "allmählich in das überdimensionierte Geldvolumen hineinwachsen", zumal ja der "Geldüberhang" fortlaufend durch die drastisch erhöhten Steuern "abgeschöpft" werde... Vor allem müßten erst gewisse fundamentale Voraussetzungen politischer und wirtschaftlicher Art geschaffen sein, so hieß es von anderer Seite; man dürfe keinesfalls vorschnell handeln, beim Schaffen einer neuen Währung, die ohne hinreichende Vertrauensgrundlage ja niemals stabil gehalten werden könne... Die Besorgnisse, daß bei einer "radikalen Reform", bei einem scharfen Geldschnitt also – mit zehn zu eins etwa, oder mit einer noch geringeren Quote – die Wirtschaft "vollends zum Erliegen gebracht" werden würde, waren nahezu allgemein. Die damalige bayerische Regierung war so felsenfest davon überzeugt, daß es zu einer Massenarbeitslosigkeit (und deshalb alsbald auch zu einer "echten" Inflation, wegen der Ausgabenlawine für Unterstützungszahlungen an die Erwerbslosen) kommen werde, daß sie sich weigern wollte, an den Vorbereitungen zur Reform mitzuwirken ... Und vielfach wurde überhaupt die Kompetenz der Besatzungsbehörden in dieser entscheidend wichtigen "innerdeutschen Angelegenheit" bestritten: Die drei Westmächte, so hieß es, hätten kein Mandat, eine Aktion einzuleiten, die unausweichlich zur Abspaltung der sowjetischen Besatzungszone führen werde ...