Der Bundesgerichtshof brach mit einer Rechtsprechung, die ein halbes Jahrhundert galt

RH, Berlin

Eine 31jährige Berliner Maschinenarbeiterin lebte, nachdem sie von ihrem Ehemann geschieden worden war, mit ihrer Mutter und ihrem eindreiviertel Jahre alten Kind zusammen. Der Vater des Kindes zahlte kein Geld für den Unterhalt. Die Frau arbeitete in einer Fabrik und brachte ihr Kind tagsüber in ein Kinderheim. Am Nachmittag müssen die Kinder aus solchen Tagesheimen abgeholt werden. Das tat, wenn sie frei war, die Mutter. Wenn sie Nachtschicht hatte, holte die Großmutter ihre Enkelin ab und versorgte sie, bis die Mutter nachts um elf Uhr von der Fabrik kam.

Das wäre alles gutgegangen, wäre nicht die Großmutter schwer nervenkrank gewesen. Sie bekam zuweilen epilepsieartige Anfälle, die sie oft lange bewußtlos machten, und bei denen sie Dinge tat, von denen sie nachher nichts wußte. Als die alte Frau eines Nachts zwei solcher Anfälle gehabt und anschließend tief ohnmächtig geworden war, dachte ihre Tochter begreiflicherweise mit Sorge daran, was in solchem Fall alles passieren könnte, wenn sie in der Fabrik und ihr Kind mit der Großmutter allein wäre.

Diese Sorge kam für die Frau zu anderen Sorgen noch hinzu: Sie verdiente ihr Geld durch besonders schwere Arbeit; die wirtschaftliche Lage war trotzdem schlecht; der geschiedene Ehemann hatte zu erkennen gegeben, daß er nicht daran denke (wie sie es wünschte), wieder mit ihr zusammenzuleben. Begreiflicherweise erschien ihr das Leben, als nun auch noch die akute Sorge um die Obhut für das Kind hinzukam, nicht mehr sehr lebenswert.

Als ihr ein Arzt am Abend, nachdem ihre Mutter die schweren Anfälle gehabt hatte, für die Patientin Schlaftabletten verschrieb und dabei betonte, daß man ihr keineswegs mehr als eine Tablette zur Zeit geben dürfe, kam sie auf den Gedanken, gemeinsam mit dem Kinde aus dem Leben zu gehen. Sie gab dem kleinen Mädchen, aufgelöst in Apfelsinensaft, einige Tabletten und nahm selbst die doppelte Menge ein. Gegen Morgen erwachte die Frau unJ erkannte, daß das Kind neben ihr ebenfalls noch lebte. Die Giftmengen waren zu gering gewesen.

Und nun erfolgte das, was den Fall über das traurige Schicksal dieser Frau hinaus wichtig macht: Sie erklärte ihrer Mutter, was sie getan hatte und forderte sie auf, sofort einen Arzt zu holen. Sie tat das, wie das Gericht später feststellte, vor allem, weil sie ihr Kind retten wollte.