Von Otto F. Beer

Wien, im Juni

Einmal im Jahr präsentiert sich Wien, ehe es sich zu tiefem, tiefem Sommerschlaf rüstet, von seiner verführerischsten Seite: zu den Festwochen im Juni.

Seit die russischen Grenzbalken an der Enns gefallen sind und Wien von feinen Leuten im Westen wieder des Besuchs gewürdigt wird, fallen diese Festwochen mit der Touristensaison zusammen.

Aber so waren sie am Anfang gar nicht konzipiert. Sie waren als eine Art Volksfest gedacht. Und das sind sie auch geblieben. Es mögen sich also in diesen Junitagen Staatsoper und Burg von ihrer glänzenden Seite zeigen, Sightseeing Tours auf den Kahlenberg führen und sich die europäische Intelligenzia zu klugen Kongressen zusammentun: es gibt immer noch die anderen Festwochen, bei denen Vorstadtliedertafeln und Straßenbahnerkapellen Schubert spielen, Streichquartette in Alt-Wiener Höfen eine Mozartserenade vollführen oder Bezirksvorsteher über abstrakte Plastiken diskutieren, deren Aufstellung in einem Gemeindehaus die Gemüter beunruhigt.

Das Kosmopolitische und das Vorstädtische gehören in diesen Festwochen zusammen, und eine Wiener Wochenzeitung hat deshalb für diesen Wiener Juni die boshafte Devise geprägt: „Für Favoriten und Europa“ (Favoriten ist eine südliche Arbeitervorstadt Wiens).

Nun wäre es vielleicht bedenklich, den Lebensgeist einer Stadt zu schildern, indem man von ihren Festwochen spricht. Salzburg beispielsweise verändert alljährlich während des Festspielmonats völlig seinen Charakter. In Wien ist das anders – nicht zuletzt dank jenen vorstädtischen Wurzeln.