K. W., Buenos Aires, im Juni

Die wirtschaftliche Realität Argentiniens läßt sich seit zehn Jahren bereits durch die Aufzählung der Prozentsätze darstellen, um die in einem bestimmten Zeitraum die permanenten Fehlbeträge in der Produktion, im Außenhandel, in der Zahlungsbilanz, im Staatshaushalt, im Energiewesen gestiegen sind. Eine Abwechslung bieten nur die Farben, mit denen die einzelnen Regierungen das düstere Grau dieser Realität zu überdecken suchen. Präsident Frondizi, der am 1. Mai sein Amt angetreten hat, ist sehr darum bemüht, die roten Farbtöne nicht hervortreten zu lassen. Mit seiner Erklärung, daß die Zeit der Willkür für Argentinien vorüber sei und das Gesetz allein gelte, tritt er in einen sich rasch verschärfenden Gegensatz zu großen Teilen seiner Wählerschaft, die an Willkür und Selbsttäuschung gewöhnt ist. Um bei diesem Kampf um den Rechtsstaat die Herrschaft über die Massen nicht schon sehr bald an die Peronisten oder auf längere Sicht an die Kommunisten zu verlieren, sucht Frondizi einstweilen den trancehaften Zustand der Selbsttäuschung zu verlängern, in dem sich Argentinien seit fünfzehn Jahren befindet.

Die Restitution des deutschen Firmen-Altbesitzes gab den Anlaß zu einer ersten Kraftprobe. Ein Antrag, die im Vorjahr vereinbarte Versteigerung der 30 von der staatlichen DINIE verwalteten ehemals deutschen Betriebe auszusetzen, fand so starken Anklang im Parlament, daß Frondizis Erklärung, er werde die internationalen Verpflichtungen auch gegen einen Parlamentsbeschluß erfüllen, eine lärmende Debatte nicht verhindern konnte. Die Opposition bemühte sich nicht um juristische oder wirtschaftliche Argumente, sondern appellierte nur an die nationale Ehre: was „unser“ ist, darf nicht ausländischen Kapitalisten ausgeliefert werden. Andere Anträge fordern sogar weitere Enteignungen fremder Unternehmungen. Frondizi hält am Rechtsbegriff fest: mit der Mercedes Benz Argentina werden die konkreten Bedingungen für die Wiederaufnahme des Betriebs ausgehandelt, an die von Perón enteignete englische Gasgesellschaft wird die Entschädigung ausbezahlt, ähnliche Fragen werden mit einem USA-Unternehmen ausgehandelt, und trotz der lauten Forderungen auf Rückkehr zum Außenhandelsdirigismus verharrt Frondizi beim „Pariser Club“, dem multilateralen Zahlungsabkommen mit Westeuropa. Während er in der Binnenwirtschaft, dem Druck der Demagogen weichend, sich noch zu Willkürmaßnahmen bereitfinden läßt, konzentriert er sich ganz auf die Wiederherstellung des Auslandkredits.

In Buenos Aires herrscht die Vorstellung, daß die Augen der internationalen Wirtschaft auf Argentinien gerichtet seien und daß große Kapitalien, besonders in der Bundesrepublik, nur auf Investitionsmöglichkeiten warten. Konkrete Anzeichen dafür liegen zwar nicht vor, doch ist es dank der Eile der vielen neuen Funktionäre, ihre Befähigung zu beweisen oder wenigstens ihre privaten Interessen zu fördern, zu seltsamen Blasenbildungen gekommen, wie etwa dem kurzen Traum, in Vorwegnahme der südamerikanischen Integration ein Tauschabkommen mit Caracas abzuschließen, um mit den wenigen argentinischen Produkten, die Venezuela abnehmen kann, den ganzen Erdölbedarf zu decken und damit die größte Dollarlücke zu verstopfen. Einige „Luftgeschäfte“ wurden mit ein paar unverbindlichen Anfragen und vielen Wunschträumen zusammengefaßt, um mit der Ankündigung, der Präsident prüfe ausländische Investitionsangebote im Umfang von anderthalb Milliarden Dollar, das Land mit rosigen Hoffnungen zu überfluten. In diesem Licht müssen einstweilen auch die Besprechungen beurteilt werden, die in Buenos Aires von Konjunkturrittern aller Art, aber auch in den USA und Europa von argentinischen Kontaktmännern geführt werden, die in Ausnahmefällen sogar von einem Minister empfangen werden.

Die in Argentinien vordringlich zu lösenden Aufgaben, besonders auf dem Gebiet der Energiewirtschaft, ragen weit über die Grenzen hinaus, auf die ein durch fünfzehn Jahre des Selbstbetrugs hochgezogener Nationalismus heute jede fremde Initiative beschränken will. Die Regierung Frondizi hat noch keine Anzeichen dafür gegeben, daß sie selbst sich in den tatsächlichen Größenverhältnissen auskennt und sie zu respektieren gewillt ist. Sie verhandelt jetzt mit einer französischen Gruppe über die Nutzbarmachung des Kohlenvorkommens von Rio Turbio, vor allem aber mit nordamerikanischen Gesellschaften über die Steigerung der Erdölförderung. In beiden Fällen läßt sich mit Beleuchtungseffekten nichts mehr erreichen.