Wenn es nach den Kurärzten unserer Nord- und Ostseebäder ginge, sollte der Sonnenschein an der See verboten werden, nicht etwa weil die Sonne an sich schadet, sondern weil die Menschen nicht vernünftig mit der Sonne umzugehen verstehen. Da liegen die Erholungsuchenden in der prallen Sonne am Strand und braten zu einer trügerischen Bräune; trügerisch, weil Bräune keineswegs als Zeichen der Gesundheit anzusehen ist. Sie wollen ausspannen, abschalten, neue Kraft sammeln und wissen gar nicht, daß sie die wirkungsvollsten Kräfte eines Seeaufenthalts nicht nutzen. Sie sind verstimmt über einen wolkenbedeckten Himmel und ahnen nicht, daß gerade ein trüber Tag an der See, ja sogar die harte Frühjahrs- und Winterwitterung für die Erholung besonders wertvoll sind.

Eine Strandwanderung hat es in sich: Die Lift in den strandnahen Zonen ist bakterienrein und staubfrei. Sie ist angefüllt mit feinsten Schwebestoffen, mit heilkräftigen Natur-Nerosolen, die von der Brandung emporgeschleudert werden. Natrium Calcium, Magnesium, Kupfer, Eisen, Fluor, Mangan, Jod – ja alle Elemente des Meerwassers sind stäubchenartig in dieser Luft verteilt. Sie wirken intensiv kräftigend auf die gesunde und die kranke Lunge und fördern die Herzleistung. Viele dieser inhalierten Schwebestoffe gelangen in die Blutbahn und unterstützen die Regeneration des Organismus.

Der Seewind, der zuerst vom Binnenländer so unliebsam empfunden wird, ist ein besonderes Geschenk der See. Sein ungleichmäßig pulsierender Druck ist eine ideale Massage der Haut und ein hervorragendes Gefäßtraining.

Dazu kommt noch die bei jeder Witterung herrschende Ultraviolett-Strahlung, die kräftigt und anregt. Ein einstündiger Spaziergang an der Brandung ist für die Gesundheit wertvoller, als ein ganzer verfaulenzter Sonnentag. Aber die Sonne lockt zum Faulenzen und der heiße Tag verführt zum häufigen Baden. Aber gerade an den hochsommerlichen Sonnentagen fehlt dem Klima an der See das spezifische Ingredienz, Es herrscht dann an der-See Festlandsklima!

Ärztlich ist einwandfrei nachgewiesen, daß Sommer mit gehäuften Schlechtwetterperioden eine bessere Erholung bringen, als die heiße wolkenlose Saison. Genauso sicher ist, daß Frühjahrs- und Herbstaufenthalte an der See bessere Erfolge haben. Die schon im Altertum bekannten Heilkräfte der Seeluft wurden auf die Metasynkrisis – die Umstellung – des Menschen auf diese veränderte Umwelt zurückgeführt. Der Mensch war nur recht passiv beteiligt. Heute wissen wir mehr vom Seeklima. Wir wissen von Luftkörpern, die ganze Luftmeere aus fernen Gegenden mit sich bringen, wir wissen um die verschiedenen Strahlenwirkungen und um noch viele andere klimatische Bedingungen, die am Menschen an der See wirksam sind. Wir können, mit Sicherheit sagen, daß das Seeklima nicht nur eine Umstellung bewirkt, sondern auch die Umstimmung als aktive Leistung des Organismus als bleibende Reaktionsänderung des Körpers verlangt.

Gerade das macht den Wert eines Aufenthaltes an der See aus: Änderung des Reaktionsvermögens des Menschen, Alle fehlgesteuerten Reaktionsweisen gegenüber Umwelteinflüssen werden ausgelöscht, neue werden eingespielt. Allen unseren „kranken Gesunden“, den Labilen, den Vegetativen, den Allergikern, den Asthmatikern, den Blutdruckkranken, den Schlaflosen, all den vielen Menschen, die nicht gesund sind, obgleich die objektiven Untersuchungen keinen oder nur einen geringen krankhaften Befund ergeben, ist die See als Urlaubsort anzuraten. Einzige Voraussetzung dafür ist, daß der Organismus noch regenerieren und reagieren kann.

Ausgeschlossen von einem Seeaufenthalt müssen alle Kranken werden, die an einer akuten Krankheit leiden. Aber auch kein Gesunder soll sich an der See wie ein aus dem Winterstall auf die Weide getriebenes Füllen benehmen. Nicht sofortige stundenlange Sonnenbestrahlungen mit oder ohne Sonnenschutzöl, sondern langsames wohldosiertes Gewöhnen ist anzuraten. Nicht aus der Normalkleidung in den Bikini schlüpfen, sondern nur allmählich den Körper an Wind, Luft und Sonne gewöhnen! Nicht gleich und oft ins kalte Wasser stürzen, sondern vorsichtig mit wenigen Minuten anfangen! Nicht faulenzen um jeden Preis, sondern wandern und leichten Sport betreiben!

Weder Sonnenanbeter noch Nachtschwärmer soll der Urlauber an der See sein, wenn ihm daran liegt, Kräfte für ein ganzes langes Arbeitsjahr zu sammeln. Z.