Berliner Nachtleben

Skizzen von Thilo Koch

In den grünen Augen des Zigarettenmädchens nordische Sinnlichkeit: Schnee über Lava. Sie spricht Deutsch mit einem dänischen Akzent, ein frisch-blauer Ostseehorizont ist plötzlich im Raum. Der halbe Burt Lancaster mit dem zu hellen Anzug lädt sie treuherzig ein: "Champain!" Das Dekolleté der Barfrau prangt bleich und neidisch. Die Dänin hat was von Brise. Burt hebt die Nase, geht vor Anker. Gegen vier malt er sich ihre Telephonnummer auf den Bierdeckel. Sie schwankt, ein vergehendes Nordlicht, mit dem Bauchladen unter die letzten Gäste.

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Klack – wie das Purzeln von Kegeln. Klack – machen die Rohrposthülsen am Ziel. Jeder Tisch rings um die große Tanzfläche hat Anschluß. Und Telephon. Die jungen Freier mit Bürstenschopf und Röhrenhose dominieren gar nicht. "Muttis" sitzen da im Sonntagsstaat, reißen sich schamhaft um den Hörer.

Natürlich auch Fräuleins, ein mächtiger Posten. Enge Pullis, doch Kurven zu viel, auch da, wo die Bardot, die sie nachahmen, wespenhaft schmal wird. Aschblond oder rot, gewiß, aber statt Schmollmündchen oft nur leere Erwartung, schief und verkniffen mit zwanzig. Manchmal sitzt eine, tupft sich die Wimperntusche ins weiße Fähnchen: Kapitulation ohne Eroberung.

Der junge Mann mit Pensionsberechtigung neigt das glattgescheitelte Haupt: Doppelkinn. Ein bißchen zu freudig bewegt folgt die linkische Blonde ihm aufs Parkett. Kein Lächeln, schon schiebt er los. Sie steif schon mit siebzehn, kein Wort. Auch der im Tweed von der Stange genügt dem Weinzwang: Rosig und frisch rasiert peilt er auf Vamp links hinten. Ein einziger, schwarzer, gedrehter Zopf kitzelt die linke Schulter. Klassisch-schafsgesichtige Linie Stirn–Nase, Kleid zu groß, Schuhe zu klein. Aber vorm Saxophon sind sie Aspasia und Alkibiades.

Andere bleiben, was sie sind, auch hier. Sie, ein pralles Bäckermeisterstöchterchen, lustig und sicher – er, von der Tankstelle nebenan, leckt sich pfiffig die Oberlippe, hält sein Brötchen selbstzufrieden bei der warm atmenden Taille. Wissen längst, wie wohl das tut.

Berliner Nachtleben

Markise rot-weiß täuscht Süden vor. "Na, was trinken wir?" fragt Ilona den Herrn mit der randlosen Brille, der ein Journal auf den Bartisch gelegt hat. "Tom Collins – einen." Kalypso mit Schönheitstänzen. Markise, Journal. Ilona: "Trinkt der Herr noch etwas?" – "Ein Glas Wasser, bitte." Ilona zum Keeper: "Feine Gäste heute. Zweite Bestellung Leitungswasser." Die randlose Brille: "Schade, Fräulein Ilona. Sie scheiden schon aus." "–?–" "Ich vermittle Barfrauen und Mannequins für international anerkannte Häuser. Mein erster Test ist das Glas Wasser. Eine gute Barfrau serviert es genauso höflich wie Champagner. Die Rechnung, bitte."

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König der hufeisenförmigen Bar ein schlanker Neger aus Trinidad. Legt Eis ins Glas und Platten aufs Grammophon: Cha-Cha-Cha wiegend und lächelnd. An den Wänden abstrakte Originale, dies ist eine Privatgalerie, ihre Gegenständlichkeit: der Alkoholumsatz. Paar Stammgäste, die unter den Rohrmatten und Rumflaschen irgend etwas immer wieder vergessen. Ein Ballettmädchen süß mit dem akkurat-bescheidenen Mann vom Werbefernsehen. Der Abendredakteur nach der Schicht, müde, zwei englische Malmädchen, trampligalbern.

Im silberweißen Haar der Lokaldichter beim achtzehnten Kognak, er erzählt, gleich, wer da zuhört und ob. Nacht für Nacht fängt das zögernd an, synkopierend tropft zusammen, quirlt und brodelt seine Zeit, ebbt und versiegt.

Diese Skizze erscheint jetzt in einem Sammelbändchen von Thilo Koch: "Berliner Luftballons" (Langen/Müller Verlag, München, 5,80 DM).