Wenn in der vergangenen Woche die nun schon mehrere Monate anhaltende stetige Aufwärtsbewegung bei den Aktien gebremst wurde, dann hatte das im wesentlichen zwei Gründe. Einmal spielte dabei die vorübergehende Ungewißheit eine Rolle, ob die Steuergesetze in der vorgesehenen Fassung auch tatsächlich (und rechtzeitig) die parlamentarischen Hürden nehmen würden, und zum anderen brachte die verhärtete Situation im Nahen Osten die Unternehmungslust der ausländischen Spekulation zum Erliegen die begreiflicherweise zögerte, angesichts der vorhandenen Spannungen größere Engagements in Westdeutschland einzugehen. Als feststand, daß Bundesfinanzminister Etzel in Sachen Steuergesetze zu Zugeständnissen bereit war. die auch die Länderfinanzminister befriedigen konnten, ging ein Aufatmen durch die Börsensäle, denn eine Verzögerung, die durch die Anrufung des Vermittlungsausschusses eingetreten wäre, wurde zweifellos einen empfindlichen Kursrückschlag bei den Aktien verursacht haben, der wahrscheinlich den Gesundungsprozeß auf dem Kapitalmarkt nicht unerheblich gestört hätte.

Wie solide die Verhältnisse am deutschen Aktienmarkt inzwischen geworden sind, zeigt seine jetzige Stabilität, die durch die Kriegswolken über dem Libanon (im Gegensatz zu früher) kaum gefährdet worden ist. Daß der Berufshandel und auch Teile der Kundschaft nach den Kurssteigerungen der letzten Zeit Gewinne mitgenommen haben, ist keineswegs unnatürlich und auch zu begrüßen. Diese Aktionen veränderten jedoch das Kursbild insgesamt nur unwesentlich. Wenn unser Kursbarometer noch eine leicht steigende Tendenz aufweist, dann sind dafür in erster Linie die Kapitalaufstockungsaspiranten verantwortlich zu machen, wie z. B. Kali-Chemie und die Warenhauswerte. Die Kaufhäuser verzeichnen auch im laufenden Geschäftsjahr wieder eine erfreuliche Umsatzentwicklung, so daß die Voraussetzung dafür besteht, daß diese Unternehmen auch ein höheres Kapital „gut“ verzinsen können. Wie sehr das Börsenpublikum die Kaufhaus-Aktien schätzt, zeigte die Bezugsrechtnotierung bei Karstadt, die mit „gestrichen Geld“ geschah. Es stand also kein Material zur Verfügung.

Am Beispiel Ver. Glanzstoff hat die Börse festgestellt, daß sie die Konjunkturerwartungen in einigen Sparten der Textilbranche offenbar zu pessimistisch eingeschätzt hatte. Glanzstoff-Aktien stiegen nach Veröffentlichung des Abschlusses für 1957 von 246 auf 261 v.H. Interesse fanden übrigens auch Bremer Wolle, ein Papier, das zu den Gratisaktien-Aspiranten gerechnet wird. Für sehr billig wurden auch die Aktien von Wollgarn Tittel & Krüger gehalten, wo die Börse wieder mit 6 v. H. Dividende rechnet, so daß man einen Kurs von unter 100 v. H. für preiswert hielt. Beträchtliche Umsätze, kamen in Bekula-Aktien zustande, die bis auf 133 v. H. anzogen. Hier spielte die „Phantasie“ eine Rolle, denn man hofft auf eine höhere Dividende als zuletzt 8 v. H. und rechnet damit, daß die Stadt Berlin die Resteinzahlung auf das Grundkapital eher vornimmt als vorgesehen, so daß der Weg dann für eine echte Kapitalerhöhung (und damit für ein Bezugsrecht der Aktionäre) frei wird. Aber das sind vorerst noch Spekulationen.

Am Rentenmarkt hält die Nachfrage nach hochverzinslichen Anleihen an. Sie wurde durch die neuen Emissionen, die noch sämtlich zu 7 v. H. herauskamen, nicht befriedigt. Wenn gegenwärtig im Verhältnis zur Nachfrage nur zu wenig Anleihen auf den Markt kommen, dann kann man in dieser Zurückhaltung das Bemühen des Zentralen Kapitalmarktausschusses sehen, möglichst bald zu einem 6 1/2 und danach zu einem 6prozentigen Anleihetyp zu kommen.

Gesucht bleiben ferner steuerfreie Pfandbriefe, die sämtlich im Kurs heraufgesetzt worden sind.

Kurt Wendt