W. R., London, im Juni

Pünktlich haben sich die Hoffnungen der Londoner City auf weitere Senkung der Bankrate erfüllt. Im Unterschied zu den im März und Mai vorausgegangenen Diskontsenkungen darf die Maßnahme diesmal als Signal für eine vorsichtige Lockerung der bisherigen Restriktionen ausgelegt werwerden. In London fühlt man sich zu dieser Annahme um so mehr berechtigt, als der Schatzkanzler Investitionsvergünstigungen angekündigt hat, die noch in das neue Budget eingebaut werden sollen. So ist die erstjährige Abschreibungsrate auf Maschinen von 20 auf 30 v. H. erhöht worden. Damit wird deutlich gezeigt, daß die Konjunktur wieder etwas angekurbelt werden soll. Die Nachricht vom Rückgang der Stahlproduktion um über 20. v. H. gegenüber dem Vorjahr hat zu diesem Stimmungsumschwung wesentlich beigetragen.

Wie in den meisten Ländern nimmt die Ausfuhr auch in Großbritannien ab. Doch ist die Schrumpfung im Vergleich zum Vorjahr mit 2 v. H. bescheiden. Infolge der sinkenden Rohstoffpreise steht ihr eine Einfuhrminderung um 13 v. H. gegenüber, so daß eine anhaltende kräftige Besserung der Zahlungsbilanz zu verzeichnen ist. Erleichtert wurde die britische Zinssenkung schließlich auch durch die gegenwärtig allgemein betriebene Politik des billigen Geldes. Gerade haben die niederländische, die japanische, die schwedische und die italienische Notenbank ihre Diskontsätze reduziert.

Ausschlaggebend aber sind die USA und die Schweiz, wo man geradewegs nach rentablen Anlagemöglichkeiten für große Beträge suchen muß. Während für langfristige Investitionen der deutsche Feinlenkt immer noch unübertroffene Reize bietet, lockt London erhebliche kurzfristige Mittel an. Nach den trüben Erfahrungen vergangener Jahre hat London aber vorerst die Freude am „heißen Geld“ verloren.

Im übrigen war diese Diskontsenkung von der Börse längst einkalkuliert worden. Die lebhafte Nachfrage hatte den Schatzwechselzins nach unten getrieben – zuletzt ein volles Prozent unter die alte Bankrate von 5,5 v. H. Gleichzeitig hatten die Aktienkurse ihren diesjährigen Spitzenstand erklommen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Regierung den langfristigen Zins planmäßig mit Fundierungs-Operationen hoch hält, mit dem Ziel, die liquiden Bestände der Banken zu vermindern. Deren Anteil in den gesamten Anlagen ist seit Jahresanfang tatsächlich von 38,5 auf 32 v. H. gefallen und nähert sich damit dem traditionellen Minimum von 30 v. H., so daß die Notenbank im Augenblick die Banken stärker denn je zuvor am Zügel hat.

Ein früher Vorbote der wahrscheinlich ungünstigen Pfundsituation in der zweiten Jahreshälfte war das EZU-Defizit im Mai von 35,5 Millionen Dollar, das vermutlich vom äußeren Sterlingraum verursacht worden ist. Allein im ersten Quartal dieses Jahres haben die Dominions ihre Guthaben in London um 77 Millionen Pfund abbauen müssen, um ihre Defizite zu decken. Je länger die Rohstoffbaisse anhält, um so stärker wird der Rückschlag auf die britischen Währungsreserven sein.