Von Paul Hühnerfeld

Mag sein, daß dies ein Buch ist, dessen Lektüre man für den Strand empfehlen kann: denn es ist kein eigentlich schweres Buch, obwohl es „literatur-historischen“ Charakter hat; zuweilen ist es auch ein lustiges Buch, wenngleich seine Autoren es einmal ernst gemeint haben. Ob sie’s heute auch noch so ernst meinen? Ich denke an Hans Arp, Richard Huelsenbeck und Tristan Tzara, die während des ersten Weltkrieges den Dadaismus gründeten und jetzt zu dritt ein Buch herausgegeben haben:

„Die Geburt des Dada“, Dichtung und Chronik der Gründer, mit Photos und Dokumenten; Verlag der Arche, Zürich; 192 S., 8,80 DM.

Erinnert man sich noch? Hugo Ball war’s, der den Begriff Dadaismus prägte, Hugo Ball, der radikale Pazifist, der aus der Heimat floh, um nicht in den Krieg verstrickt zu werden. Zerschlagung von Wort und Form schien ihm der einzige Weg aus der Sackgasse abendländischer Kultur, schöpferische Anarchie das Gebot der Stunde.

Ausgerechnet in Zürich und ausgerechnet mitten während des ersten Weltkrieges – 1916 – gründete der junge Tristan Tzara eine Zeitschrift. Tzara hieß eigentlich Samuel Rosenstein, war Franzose rumänischer Abstammung und studierte an der Zürcher Universität Philosophie.

Das Wort „Dada“ war der kindlichen Sprache entnommen. So wie ein Baby erste Silben ausstößt, die nur dem Erwachsenen sinnlos erscheinen (für den kleinen Menschen aber Bedeutung haben), so wollten auch die Dadaisten Silben ausstoßen, zurückkehren zu einer primitiven Ursprache, und man muß der Gerechtigkeit halber anerkennen, daß sie sich ein Leben lang nicht darüber rewundert haben, wie wenig sie von den „Erwachsenen“ verstanden wurden.

Von hier aus gesehen liest man den kleinen Dokumentenband nicht ohne Rührung, sieht man die eingestreuten Bilder der Begründer nicht ohne Anteilnahme. Man erkennt Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings, zwei junge Menschen des Jahres 1918 mit schlanken, von Skepsis und Mißtrauen gegen diese „beste aller Welten“ gespannten Gesichtszügen. Man ist erstaunt über den jungen Mann mit weißem Strohhut, der seinen kurzen Spazierstock nicht ohne die Eleganz eines Fin-de-siècle-Gent schwenkt und Tristan Tzara heißt.