Von Johannes Jacobi

Nichts ist im Theater heute so beruhigend wie die Besucherzahlen. Warum dann „Ruhrfestspiele“?

Seit elf Jahren bemühen sich in Recklinghausen die Stadt und der Deutsche Gewerkschaftsbund, fürs Theater auch die Industriearbeiterschaft zu mobilisieren. Die Arbeiter und die Angestellten der Massengesellschaft sollen darüber hinaus Verantwortung übernehmen für eine Kultur, die sie nicht geschaffen haben; sie sollen erlebend und auswählend hineinwachsen in die Welt der Kunstwerte.

Das ist der zweite Vorstoß in dieselbe Richtung. Der erste begann am 29. Juli 1890, als in Berlin die Freie Bühne, die Volksbühne, gegründet wurde. Damals forderte sozialdemokratischer Pionier-Elan „eine neue Bühne für die neue Kunst“. Es ging um die Kunst der Ibsen, Hauptmann und anderer Naturalisten, um eine Bühne der sozialen Themen.

Doch schon in der Gründungsversammlung kamen dem Schriftsteller Heinrich Hart Bedenken: „Am Literatentische horcht man hoch auf: Der neuen Kunst drückt das Volk sein Siegel auf, sie ist die rechte, elementare Kunst; denn sie wurzelt, wie man sieht, in den Tiefen der Volksnatur. Niemand denkt in dem Augenblick daran, daß der ‚Mann aus dem Volke’ mit seinen Worten sicherlich auf ganz andere Dinge abzielt als die Künstler und Ästheten; daß für ihn der Begriff Wahrheit wesentlich ethische und nicht ästhetische Werte umfaßt.“

Die Volksbühne ist versandet. Wie abhold sie der Entscheidung im Theater geworden ist, das konnte man auch an ihrem 18. Verbandstag erkennen, der im Juni 1958 in Mannheim stattfand. Erwin Piscator blieb ein einsamer Rufer in der Wüste, als er sagte: „Es sollten absolute Forderungen gestellt werden. Es muß ein Publikum geschaffen werden, das die Probleme unserer Zeit wirklich aufarbeiten will.“

Piscator mußte schon die alte Volksbühne in Berlin verlassen. Er wurde auch jetzt nach Schuhs Abgang nicht mit der künstlerischen Leitung des Theaters der neuen Volksbühne am Berliner Kurfürstendamm betraut. Piscators Mannheimer „Wilhelm-Tell “-Inszenierung erregte sogar Kopf schütteln der Premierengäste, der Volksbühnendelegierten. Piscator meinte zum Beispiel: Teil hätte selbstverständlich am Rütli-Schwur der Genossen teilnehmen müssen. Teils Ansicht: „Der Starke ist am mächtigsten allein“, das sei doch wohl im Zeitalter der organisierten Massen und der Kartelle ein idealistischer Atavismus.