Solche Fragestellung gegenüber einem inzwischen historisch gewordenen Kunstwerk verstößt sicherlich gegen die "Werktreue". Aber ist das "Theater für alle" wirklich so feingeistig geworden, daß seine bildungsbeflissenen Besucher Heinrich Harts anfängliche Befürchtung völlig umkehren und nun ästhetische Werte den ethischen vorziehen? Das lebhafte Kopfnicken von Volksbühnendelegierten, in deren Mitte ich in Mannheim saß, belehrte mich eines anderen, als ein Redner über den deprimierenden Hang der Volksbühnenmitglieder zum Leichten, zum Gefälligen und Bequemen klagte.

Doch ich wollte von Recklinghausen, von den Ruhrfestspielen berichten. Das Volksbühnengespenst von Mannheim drängte sich nicht ohne Grund dazwischen. Es ist das Menetekel des ersten Anlaufs, den das Theater in die Industriegesellschaft genommen hatte. Muß das beim zweiten, beim Ruhrfestspiel-Versuch, genauso in geistiger Verflachung enden?

Der Cheftheoretiker für Recklinghausen, Professor Eugen Kogon, wagte in seiner klugen Eröffnungsrede, eben weil sie keine "Festrede", sondern eine Analyse der Aufgabe sein wollte, "im elften Jahr des Beginnens über die Ruhrfestspiele auch nicht mehr zu behaupten, als daß sie "ein geringer Anfang" seien, "beispielhaft und in mancher Hinsicht sogar beispiellos" – "nämlich dazu beizutragen, daß die Arbeiterschaft ihre Rolle in der Erhaltung und Fortentwicklung der modernen Kultur erkennt".

Manches, das hoffen läßt, ist schon "erkannt" worden. Vor allem, daß die Ruhrfestspiele ihre, der Arbeiterschaft Sache sind. Nicht nur die Theatervorstellungen. Auch die Kunstausstellung, die in diesem Jahr zum Nachdenken über Kunst, Handwerk und industrielle Formgebung auffordert. Das "Europäische Gespräch" ist seit 1955 als Forum intellektueller Klärung gegen das Zögern des DGB-Vorstandes von den Einzelgewerkschaften, von Betriebsangehörigen wieder durchgesetzt worden. Und zu sieben "Kulturtagen der Gewerkschaftsjugend" sind augenblicklich Tausende von jungen Menschen in Recklinghausen versammelt, um sich zu persönlicher Verwendung der arbeitsfreien Zeit anregen zu lassen.

Es wäre also verfehlt, in Recklinghausen nur Theatervorstellungen zu rezensieren. Ich habe unter anderen Sellners Shakespeare-Inszenierung, den "Sturm", gesehen, das festspieleigene Zentralstück dieses Jahres – eine Aufführung, die zu den augenblicklichen Spitzenleistungen des deutschen Theaters zu zählen ist. Die ergänzenden Ensemblegastspiele deutscher und ausländischer Bühnen haben eine solche künstlerische Qualität, daß es nicht mehr möglich ist, von Recklinghausen abfällig als von einem "Salzburg des kleinen Mannes" zu sprechen. Recklinghausen ist künstlerisch erstklassig. Auch die Kombination von Klassik als Erbe mit Gegenwartsproblematik ist gut und richtig. Freilich unterscheidet sich dieses Rezept nicht vom Spielplan jedes Stadttheaters.

Aber das soll es auch nicht. Die Ruhrfestspiele sind – im Gegensatz zu einer Besucherorganisation – ein repräsentatives Unternehmen. Sie rufen ihre Besucher nur einmal im Jahr, und die leitenden Männer meinen selber, daß jene Ruhrfestspielgäste, die aus den Industriebetrieben kommen, in der Zwischenzeit wohl kaum Abonnenten des zuständigen Stadttheaters oder Volksbühnenmitglieder sind.

Die Ruhrfestspiele wollen – fast sträubt sich die Feder – noch einmal den Begriff "Festspiel" wahrmachen, so wie ihn die griechische Antike und in neuerer Zeit Richard Wagner verstanden haben. Einmal im Jahr findet das "Fest" der Kunst statt: einst als Volksfest der "Wagen und Gesänge", in Bayreuth (vor achtzig Jahren) das Wiegenfest für "das Kunstwerk der Zukunft", in Recklinghausen das Fest des Schauspiels, des Gesprächs und der Kunstschau – Sinndeutung einer Existenz, die während der übrigen Zeit als industrielle Arbeit verläuft.