Hatten sich die Ärzte solchermaßen für die Freiheit der Patienten eingesetzt, so standen sie auch nicht an, von diesen selbst ebenfalls mehr Eigenständigkeit zu fordern. Es fielen – zwar nicht am Rednerpult, wohl aber im Sitzungssaal – bittere Worte über den "Generaldirektor mit dem Krankenschein". In den zur Veröffentlichung bestimmten vorläufigen Thesen zur Reform schlug sich das in den milderen, aber unzweideutigen Worten nieder, daß die gesetzliche Krankenversicherung nur für diejenigen da sei, die "auf Grund ihrer Einkommens- und Vermögensverhältnisse nicht imstande sind, aus eigener Kraft und in eigener Verantwortung Vorsorge für die Risiken der Krankheit zu treffen", daß "der Kreis der Versicherten zur Zeit zu weit gezogen" sei und daß künftig das Recht zur freiwilligen Versicherung und zur freiwilligen Weiterversicherung mit Erreichen einer bestimmten Einkommenshöhe erlöschen" solle.

Die Bundesregierung kann es also heute schon als gewiß hinnehmen, daß die Ärzte sie einmütig unterstützen werden, wenn sie wieder – wie schon im Jahre 1952 – für das zwangsweise Ausscheiden der Empfänger höherer Einkommen aus der gesetzlichen Krankenversicherung plädiert.

Schluß mit Pauschalhonoraren

Mit der gleichen Sicherheit zeichnet sich der zweite wesentliche Reformvorschlag ab, den die Ärzte unterbreiten werden: Schluß mit dem Pauschalhonorar. Das ist nur zu verständlich. Bislang pflegten nämlich die Pflichtkassen den Ärzten jeweils einen bestimmten Prozentsatz der Grundlohnsumme ihrer Versicherten zu überweisen. Während des Grippequartals 1957 führte dies zu dem kuriosen Zustand, daß die Ärzte für vermehrte Leistung ein noch geringeres Gesamtentgelt erhielten als je zuvor, da ja die Grundlohnsumme gefallen war.

Die Ärzte möchten also künftig für jede einzelne ärztliche Leistung eine in einer (angestrebten neuen) Gebührenordnung festgelegte absolute Mindestsumme erhalten. Nur so sind sie dessen gewiß, daß Mehrleistungen (und damit verbundene höhere letriebskosten) auch angemessen honoriert werden. Über das "Wie?" einer solchen Abrechnung herrschen allerdings gegenwärtig noch gewisse Unklarheiten. Abwegig scheint jedenfalls der Wunsch einer Minderheit, den Kassenpatienten ähnlich dem Privatpatienten die nach Einzelleistungen gegliederte Rechnung selbst bezahlen zu lassen. Das heißt nämlich nicht weniger, als daß gerade der ob seines niederen Einkommens als schutzbedürftig anzusprechende Patient für die vermögende Kasse den Rechnungsbetrag vorstrecken und anschließend Wochen, wenn nicht Monate auf die Rückerstattung warten müßte. In den meisten Fällen dürfte das eine untragbare Belastung sein. Wo das nicht mehr der Fall ist, nämlich oberhalb der Versicherungspflichtgrenze, wollen die privaten Krankenversicherungen und, allen bisherigen Informationen nach, auch deren Aufsichtsbehörde bald die Möglichkeit eröffnen, mit Einschluß aller alten Leiden und, ohne Risikozuschläge zur Privatversicherung überzuwechseln – eine Möglichkeit, die genau den Absichten der Ärzte entspricht, den Kreis der Kassenpatienten auf die Bedürftigen zu beschränken.

Hingegen empfiehlt sich – und dies entspricht den Vorstellungen der Mehrheit der Ärzte –, daß, ähnlich wie die Ersatzkassen auch die Pflichtkassen die Einzelleistungen künftig direkt den Ärzten vergüten. Man könnte sich das so vorstellen:

Der Patient kommt mit dem Krankenschein, der ihn als Mitglied einer bestimmten Kasse ausweist. Der Arzt reicht nach der Behandlung die nach Einzelleistungen aufgegliederte Rechnung ein. Die Kasse vergütet entsprechend Gebührenordnung über die Kontrollinstanz Kassenärztliche Vereinigung. Der Patient aber erhält eine Durchschrift der Rechnung, damit er endlich weiß, was eine Krankheit kostet. Die Kasse aber kann ihrerseits später vom Patienten den Selbstbeteiligungsbetrag einziehen.