Der Griff in die eigene Tasche

Gerade daran, daß der Kassenpatient – soll er schon die eigene Geldbörse zücken müssen – dies nicht im Sprechzimmer tut, liegt den Ärzten viel. Zwei Umstände haben wesentlich dazu beigetragen, nämlich daß

1. der Patient gemäß den Vorstellungen des Arbeitsministeriums nicht mit einem einmaligen größeren Betrag, sondern kontinuierlich mit Kleinstbeträgen beteiligt werden soll;

2. bei einer Abrechnung nach Einzelleistungen diese Beträge bei der endgültigen Honorierung durch die Kasse verrechnet, d. h. dem Arzt wieder abgezogen werden sollen.

Die Ärzte dürften mutmaßlich ihr "Ja" zur Selbstbeteiligung also davon abhängig machen, daß die finanzielle Auseinandersetzung zwischen Kasse und Patient nicht in ihrem Hause stattfindet. Und man kann wohl auch nicht von ihnen, die früher die berühmte Zigarrenkiste mit den "Fuffzigern" auf dem Schreibtisch stehen hatten, um die Gebühr für den Krankenschein zurückzuzahlen, heute mit gutem Gewissen verlangen, daß sie ihren Patienten wegen einigerGroschen mit den Liquidationen nachlaufen!

Freie Wahl für alle

Sind dies nun alles Fragen, bei denen auch die Sozialpolitiker verschiedener Interessenrichtungen noch ein kräftiges Wörtchen mitzusprechen haben werden, so gibt es darüber hinaus noch ein Problem der Reform, über das sich allein die Ärzte den Kopf zerbrechen müssen, und das – will man die Abhängigkeit von den Kassen vermindern – höchst wichtig erscheint. Hier stoßen sich die Geister allerdings noch sehr eng im Raum, nämlich die "Kassenärztliche Bundesvereinigung" und der "Verband der niedergelassenen Ärzte". Letzterer strebt den Wegfall der Zulassungsordnung an, also: Kassenpraxis für alle Ärzte.

Das klingt nun in den Ohren der Kassenärzte gar nicht lieblich; andererseits sind die nicht oder noch nicht zu den Kassen zugelassenen Ärzte fest entschlossen, ihre Forderung noch im Verlaufe des Reformgesprächs durchzusetzen – und zwar nicht zuletzt mit dem Hinweis, daß damit die Macht der Kassen über die Ärzte zurückgedämmt wurde. Niemand zweifelt daran, daß die Ärzte auch den Wegfall der Zulassungsordnung gegenüber den Kassen durchdrücken können, wenn sie sich selbst nur einig sind. Auch den Kassenpatienten wäre mit dieser Regelung ein alter Wunsch erfüllt: endlich die freie Arztwahl. Albert Schiefer