Ich bin eine ganz zivile Erscheinung, hyperzivil könnte man sagen! Ich bin dem militärpflichtigen Alter zudem bereits entwachsen. Ich komme mir daher einigermaßen verwegen vor, wenn ich einen richtigen Marschall zitiere. August Frédérec Marmont war Marschall von Frankreich zu Zeiten Napoleon Bonapartes. Das mildert meine Vermessenheit.

Er spielt auch in diesen Darlegungen nur eine passive Rolle: als Halter eines Stabes. Nicht des Marschallstabes, sondern als Oberhaupt einer Ansammlung von Personen, die es sich angelegen sein ließen, die Bedeutung des Chefs in das rechte Licht zu setzen. Marschall Marmont war Adjutant Napoleons. Je größer der Chef, desto größer der Stab. Die Herren des Marschalls Marmont traten sporenklirrend auf, sie waren beritten und erhöhten auch so den Glanz des Chefs.

Marschall Marmont begegnete ich schon in der Schule, denn er war nicht nur selbst ein großer Memoirenschreiber, sondern er kommt auch in den Memoiren seiner Zeitgenossen vor. Die Rolle, die er darin spielt, möchte ich mit der Wertung umschreiben, die unser Mathematiklehrer abgab, wenn wir ihn fragten, wie denn unsere Arbeiten ausgefallen wären? Er sagte dann: „Teils – teils!“ Als ich mich in Oberprima auf ein Referat über den Marschall Marmont vorbereitete, stieß ich in der Memoiren-Literatur seiner Epoche auf einen Satz, der sich meinem Gedächtnis tief eingeprägt hat. Er kam mir im Laufe meines Lebens immer wieder ins Gedächtnis, hervorgerufen durch ganz zivile Tatbestände, die mir begegneten. Der Satz paßt ins zivile (amtliche und unamtliche) Leben – wobei man nur die militärischen Details ein wenig abändern muß. Der Satz geißelt, wenn ich so sagen darf, den dienstlichen Müßiggang oberer Stäbe in der napoleonischen Zeit. Er lautet: Einige Herren im Stabe des Marschalls Marmont hatten so sehr gar nichts zu tun, daß sie im Dienst oft stundenlang mit den Peitschen knallten.

Ich finde das genial formuliert: „sie hatten so sehr gar nichts zu tun.“ Schon öfter bin ich diesem offiziell zugelassenen dienstlichen Müßiggang rings um die Oberen begegnet, und auch das erwähnte Peitschenknallen hat unheimlich viele Varianten, auch wenn es nur noch wenige gibt und Peitschen heute andere Formen angenommen haben.

Ich leite das Recht, den Namen eines Marschalls zu zitieren, ohne stramme Haltung einzunehmen – am Schreibtisch macht es sich schwer und sieht auch nicht gut aus –, auch daher ab, daß man mich in der Schule gelehrt hat: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir ...“ In diesem Falle hat es gestimmt: Erst gestern habe ich mich wieder an den Satz erinnert. Und vorgestern auch!

Karl N. Nicolaus