Im Alter von 62 Jahren ist Eduard Erdmann gestorben, den man als den größten deutschen Pianisten unserer Tage bezeichnen darf. Er war Balte, stammte aus kultiviertem, weltoffenem, den Wissenschaften und Künsten zugewandtem Hause, und alles, was europäische Bildung ausmacht, war ihm vertraut. Er wurde Schüler von Conrad Ansorge in Berlin und so ein „Enkelschüler“ von Franz Liszt, und mit dem Sturm und der Kraft des Tastenlöwen brach er nach dem ersten Weltkrieg in die Konzertsäle ein, bereiste die Welt, erregte unter Fachleuten Bewunderung und Neid durch sein sensationelles Spiel, in dem noch einmal der Glanz des Virtuosentums aufleuchtete. Da aber wurde aus diesem Saulus ein Paulus. Während er in der Begegnung mit der Moderne, dem musikalischen Expressionismus der zwanziger Jahre, sein eigenes Schöpfertum erkannte, sagte er allen Äußerlichkeiten ab und bediente sich fortan seiner stupenden pianistischen Technik allein als Mittel zum Zweck eines edlen, reinen Ausdrucks. Sein Großonkel Johann Eduard Erdmann war ein bedeutender Philosoph gewesen; Eduard Erdmann wurde sozusagen der Philosoph des Klaviers.

Er wußte (und machte als junger Professor der Kölner Musikhochschule kein Hehl daraus), daß das Klavier eine „unmögliche Maschine“ ist, zusammengesetzt aus Elfenbein, Holz, Filz, Draht und Stahl. Kein echtes Legato ist möglich, kein „Gesang“; die Töne verklingen, kaum daß sie angeschlagen; dazu ist das Ding permanent und aus Prinzip verstimmt durch jene Maßnahme, die man seit Bach „wohltemperiert“ nennt. Aber Beethoven, Mozart und alle, alle hatten für das Klavier komponiert, und deshalb ist es unsterblich.

Schon im geselligen Köln, wo er jung war, setzte sich keiner der dort lebenden exzellenten Pianisten an einen Flügel, sobald Erdmann erschien: das zurückhaltende, der Bescheidenheit, der Melancholie, der Verinnerlichung zugewandte Klaviergenie. Gegenüber seinen Schülern gab er sich pedantisch. „Die Böden! Der Gesang! Die Analyse des Werks!“ – Das konnte quälend, erlahmend sein. Klavierspiel als Wissenschaft? Die Filzhämmer, die Drähte ... verfluchte Maschine! Dann schlich Erdmann (und es schien, als geschähe es wider seinen Willen) mit langen Tigerschritten heran, schubste einen sanft zur Seite, setzte sich vor die Tasten. Und der Flügel sang, wurde ein Instrument, und der Übungsraum ein heiliger Ort. Er spielte exakt und genau die Notenwerte, pedantisch, aber es war, als höbe sich ein Schleier, ein Vorhang, und hörbar wurde, was hinter den Noten steht: die Musik als reinster Ausdruck menschlichen Schicksals. Und wenn Erdmann die cis-Moll-Fuge aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ spielte, war es ein Gottesbeweis.

Welcher Pianist in dieser unserer von Maschinen bewohnten Zeit hat das gekonnt? Ein großer Saal, gefüllt mit Menschen, und er, fern auf dem Podium, macht keine Kunststücke, sondern sitzt da – den Hals vorgestreckt, in grotesker Versunkenheit, mit dramatischem Mienenspiel, und manchmal brummt er sogar dazu – und musiziert ein bißchen altenglische Clavizimbel-Musik, Purcell oder John Bull, und alles ist rein und groß, niemand rührt sich, die Bannung beginnt, und Schuberts letzte (nachgelassene) Sonate, ein melancholisch-heiterer Gesang vor dem Tode, wird Ereignis, und alle atmen, wie Schubert atmete, als er der Ewigkeit gegenüberstand.

In den letzten Jahren war Erdmann Professor der Hamburger Musikhochschule, und die jungen Angehörigen seiner Meisterklasse sind wie verlorene Kinder, die nicht wissen, wohin. Es gibt noch ausgezeichnete Pianisten in Deutschland, aber keinen Erdmann mehr.

Es wäre jetzt der Augenblick, Erdmann-Anekdoten zu sammeln und seine verwegen-heiteren, dämonischen Geschichten nachzuerzählen, die er – selten, allzu selten – von sich gab. Man müßte die Zeugnisse jener unvergleichlichen Scheu zusammentragen, die Erdmann gegenüber dem Kunstwerk wie gegenüber den Menschen empfand. So hatte er in seiner Jugend herrlich das heiter-gelöste Klavierkonzert in G-Dur von Beethoven gespielt, und doch fand er später, er sei noch nicht reif für diese Musik. – Von einem bestimmten Stück Schumanns sagte er, er würde es gerne spielen, doch nicht so langsam, wie der Komponist es vorgeschrieben. Aber da an der Tempo-Angabe nicht zu zweifeln war, ließ er’s lieber sein. Und diesen Verzicht nannte er, der Grandseigneur Erdmann, „loyal“ ...

Seltsam, das Klaviergenie Erdmann hat sich als Komponist dem Orchester zugewendet. Seine drei Symphonien sind eine vertrackte, eigenwillige, mit nichts vergleichbare Musik. Er war in seiner Kunst weiter fortgeschritten als die meisten Zeitgenossen, und es ist gut möglich, daß, während sein Klavierspiel eine Legende wird, seine Orchestermusik mehr und mehr an Ansehen gewinnt – als Zeugnis eines großen Geistes, den es erst zu begreifen gilt. Josef Müller-Marein