Von Franz Schonauer

Den prominentesten der alten Berliner Droschkenkutscher, den „eisernen Gustav“, machte Hans Fallada zum Helden eines Romans, der 1938 im Rowohlt Verlag erschien. Daß der Spezialist für kleinbürgerliches Milieu sich dieser Gestalt bemächtigte, ist nicht verwunderlich. Verwunderlich jedoch, daß dieser Gustav Hackendahl, von seinem Autor als Prototyp ehrbarer preußischer Sturheit geschildert, zur Symbolgestalt für den kleinen deutschen Mann zwischen Gründer- und Systemzeit erhöht wurde. In Aufstieg und Niedergang dieses Mannes spiegelt sich die deutsche Geschichte von etwa 1870 bis 1932. Jetzt erschien eine revidierte Neuauflage dieses Romans –

Hans Fallada: „Der eiserne Gustav“; Blüchert Verlag, Hamburg; 772 S., 19,80 DM.

Diese Neuauflage zwingt zur Stellungnahme, denn beide Fassungen weichen stark voneinander ab und unterscheiden sich völlig in ihrer Tendenz.

Der Roman beginnt am 29. Juni 1914, einen Monat vor Kriegsanfang. Der eiserne Gustav hat den Höhepunkt seiner zivilen Existenz erreicht: er ist angesehener Besitzer eines großen Fuhrgeschäftes im Osten Berlins, in der Frankfurter Allee. Fallada erzählt nun, wie das Schicksal seinen Mann, der Betrieb und Familie nur aus der Kasernenperspektive sieht – unter dem Gesetz der Dienstvorschrift – durch eine Zeit gehen läßt, in der alle seine Ideale zerstört werden. Und er erzählt, wie gerade diese Erfahrung ihn nicht ändert, sondern nur noch halsstarriger und „eiserner“ macht.

Hackendahls Unglück fängt in der Familie an: Seine Lieblingstochter gerät an einen Zuhälter, sein Lieblingssohn bestiehlt ihn und wird ein Lump. Der Krieg nimmt ihm die Pferde, er muß das Geschäft verkaufen. Schließlich steht er mit einem einzigen abgetriebenen Pferd und einer alten Droschke da und wartet auf Kundschaft.

Der soziale Abstieg Hackendahls vollzieht sich rapide; seine festen Grundsätze von Treu und Glauben, ein Mann ein Wort, beschleunigen ihn. Der eiserne Gustav versteht diese Zeit nicht, sie widerspricht seinem Wachtmeister-Weltbild, seinem primitiven Sinn für Ordnung. Er trinkt, weil sein Kaiser nach Holland geflohen ist und weil seine Kinder mißraten sind und weil die Autodroschken eine immer größere Konkurrenz werden; er trinkt, weil er nur so seinen Kummer totschlagen und der „eiserne Gustav“ bleiben kann.