Es geht ein unvergleichlicher Glanz aus von diesen Räumen, die für drei festliche Sommermonate in der Jubiläumsstadt München eine Fülle des Wertvollsten vereinigen, was ein Jahrhundert hervorgebracht hat. Das Ausstellungsgut zeichnet sich aus durch Vielfalt der geistigen Positionen, durch künstlerische Vollendung und jenes eigentümlich faszinierende Zwielicht, das mit tausendfältigem Gefunkel die zaudernden Gedanken einfängt". Das Künstlerische wird zum Spiegel der gesamten Lebenshaltung des Jahrhunderts. Nicht nur die äußere Gestalt der eigentümlichen Formenwelt wird anschaulich gemacht, auch die tieferen Gründe für das "Warum der Entwicklung leuchten auf: die Besonderheit der gesellschaftlichen Struktur, die Verflechtung von neuen Erkenntnissen auf allen Gebieten der Wissenschaften und der Technik mit der Flucht in den schönen Schein, jenes "doppelte Spiel der Vernunft", das zugleich erhellt und verhüllt, wie das ein geistreicher Essay von Jean Rouvier formuliert hat. Mit dem Schmerz über das Unwiederbringliche, der wohl jeden Besucher ergreift, verbindet sich die Einsicht, daß wir heute in dieser Welt nicht mehr leben könnten — allzu deutlich warnend steht am Ende der Epoche das Menetekel der Französischen Revolution. In einer glücklichen Stunde hat der Europarat den Gedanken gefaßt, einzelne bedeutende Kulturepochen in großen Ausstellungen so vorzuführen, daß die europäische Einheit auf höchstem Niveau sichtbar wird. Auf den Humanismus (in Brüssel), den Manierismus (in Amsterdam), das 17. Jahrhundert (in Rom) ist nun auf Vorschlag des früheren Direktors der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Eberhard Hanfstaengl, das achtzehnte in München (vom 16. Juni bis zum 15. Septeniber) gefolgt, und man wird es dem wahrhaft umfassenden Bemühen der Beteiligten in allen Ländern zubilligen müssen, daß diese neueste Manifestation abendländischen Geistes die weitaus großartigste geworden ist.

In einer wohldurchdachten, den Besucher führenden, doch niemals doktrinären Ordnung sind die Objekte nach Sinngehalten aufgegliedert, wechselreich vieles enthaltend und doch — schon durch den Maßstab der höchsten Qualität bedingt — niemals erdrückend zahlreich. Hervorragende Beispiele stehen stellvertretend für die Gattung. Die Bezeichnungen einzelner Abteilungen wie Festliche Lebensstimmung", "Das Bild des Menschen", aber auch "Musik", "Theater", "Jagd", "Bucheinbände", "Zeichnungen", "Dokumente des Geisteslebens, der Wissenschaft und der Technik", gelegentlich (wenn auch nur als seltene Einsprengsel) örtliche Gliederungen: "Venedig", "Norddeutschland", "Englische Kunst und Raumausstattung" können hur unzulängliche Hinweise sein. Der hervorragend gearbeitete Katalog erst läßt die Fülle der Gesichtspunkte erkennen und ist mit seinen ausgezeichneten Einführungen international bekannter Sachkenner ein wahres Kompendium der Epoche. Eins freilich ist, trotz andeutender Versuche, undarstellbar: die Architektur. Zweierlei aber läßt ihre Bedeutung als vielleicht höchste Leistung des Jahrhunderts wenigstens ahnen: daß wir uns in den neu wiederhergerichteten Räumen der Münchener Residenz auf historischem Boden befinden, und vor allem, daß als Auftakt das alte Cuvillies Theater einbezogen ist, anmutigste Stätte für Mozarts Opernmusik, nicht Ausstellungsobjekt also, sondern ein echtes, noch heute lebendiges Gesamtkunstwerk des Rokoko.