Der Durst der Berliner und die Qualität ihrer Erzeugnisse haben der Berliner Kindl Brauerei AG, Berlin, auch im Geschäftsjahr 1957 mit einer Ausstoß- und Umsatzzunahme um 17 v. H. wieder einen auch für westdeutsche Verhältnisse beachtlichen Erfolg gebracht. Kindl er erwirtschaftete einen Reingewinn von 0,92 (0,82) Mill. DM, aus dem auf die Prioritäts-Stammaktien 10 (9) v. H. Dividende und auf die Stammaktien 9 (8) v. H. ausgeschüttet werden. Außerdem hat die HV dem Vorschlag der Verwaltung zugestimmt, das gesamte Treuhandvermögen der Altaktionäre als den Jahren 1938 bis Kriegsende (das sich auf Grund des vorgeschriebenen Dividendenstopps gebildet hatte und in Reichsschatzanweisungen angelegt war) in einer umgestellten Gesamthöhe von 0,34 Mill. DM aus eigenen Mitteln auszuschütten, obwohl die Vergütung durch den Bund noch aussteht. Diese Bereinigung einer seit Jahren durch die Bilanzen geschleppten Altschuld bringt den Vorzugsaktienären einmalig steuerfrei 3,9 v. H. ihres Besitze; und den Stammaktionären 2,7 v. H. ein. Sie sind damit wahrscheinlich als erste Aktionäre einer deutschen Gesellschaft in den Genuß der endgültigen Kriegsfolgenbereinigung gekommen.

Diese ppsitive Entwicklung hat sich im Falle Kindl in einem Unternehmen vollzogen, dessen Aktien sich dem Nominalwert nach zu 50,34 v. H. und dem Stimmrecht nach zu 52,78 v. H. über die Bank für Brauindustrie AG, Frankfurt, und das Bankhaus Hermann Lampe KG, Bielefeld, in Besitz der Oetker-Gruppe befinden. Die Kindl-Geschäftsleitung sah keine Veranlassung, diese minutiösen Verhältniszahlen anläßlich der HV zu verschweigen, und die Berliner Biertrinker werden an dieser „aufgehellten Biersuppe“ gewiß keinen Anstoß nehmen.

Aber nun ein anderer Fall: Seit 1890 betreibt die Hermann Meyer & Co. AG, Berlin, eine Spirituosenfabrik und gibt ihre Erzeugnisse unter dem jahrzehntealten Slogan „Keine Feier ohne Meyer“ in einem eigenen Filialnetz ab. Kriegsausgang und Sowjetbesatzung führten zu schweren Substanzverlusten, aber die mit dem Berliner Markt vertraute Geschäftsleitung hat innerhalb von knapp zehn Jahren nicht nur ein Netz von z. Z. 137 modernen Filialen, davon gegenwärtig elf Selbstbedienungsgeschäfte, in Westberlin neu aufgebaut, sondern auch die Spirituosenfabrikation und die Lebensmittel-Abpackerei mit allen Nebenbetrieben vorbildlich erweitert und modernisiert. Nach der Währungsreform befand sich das auf 4 Mill. DM umgestellte AK zu rd. 95 v. H. bei der Central-Geschäftsstelle Georg Hirsch, München, bis die Majorität im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten der Hauptaktionäre 1956 in Paketen zu je rd. 1,25 Mill. DM an ein Konsortium von drei Berliner Banken überging. Zuvor hatte die Geschäftsleitung als Ausgleich für den verlorengegangenen Markt in Ostberlin und den Randgebieten der Stadt mit jährlichen Umsatzzunahmen bis zu 50 v. H. und mehr den Vertrieb ihrer Spirituosen im Bundesgebiet aufgenommen und ihr gesamtes Warensortiment an eine ständig wachsende Kette von nicht firmeneigenen Westberliner Einzelhandelsgeschäften abgegeben. Ferner wurde (wie der Vorstand jetzt behauptet) auf Wunsch desdamaligen Großaktionärs in München eine eigene Vertriebs-GmbH, unter dem bewährten Firmennamen gegründet, die innerhalb weniger Jahre auf gegenwärtig 17 zum großen Teil moderne Filialgeschäfte und Gaststätten angewachsen ist. Noch im vergangenen November, etwa einen Monat vor Schluß des Geschäftsjahres, sprach der Vorstand bei bei der Einweihung eines neuen Verwaltungsgebäudes von einer Umsatzsteigerung von insgesamt rd. 26 v. H., wobei die Zuwachsrate der Münchener GmbH mit rd. 15 v. H. und des übrigen westdeutschen Vertriebsgeschäftes sogar mit über 50 v. H. angegeben wurde. Wenn man dann angesichts von Investitionen während des zu Ende gehenden Geschäftsjahres in Höhe von rd. 4 Mill. DM, also in Höhe des AK, ausdrücklich eine „befriedigende“ Ertragslage konstatierte, so mußte der Beobachter des Unternehmens einen allseitig günstigen Eindruck gewinnen.

Um so erstaunter war er bei der Lektüre des erst kurz vor der HV erschienenen Geschäftsberichtes für 1957, dem zu entnehmen war, daß mit Jahresablauf wegen der „Marktferne“ Berlins und der überhöhten Vertriebskosten nicht nur die Spirituosenlieferung nach Westdeutschland eingestellt, sondern auch die Geschäftsanteile der Münchener Tochter-GmbH „an eine westdeutsche Handelsgesellschaft“ verkauft worden sind. Die Gesellschaft wolle künftig alle ihre Kräfte „systematisch“ auf die weitere Erschließung des Berliner Marktes verwenden.

Die Bilanz von Meyer läßt keine ungesunde Entwicklung erkennen, die Minderheitsaktionäre erhalten 9 (nach 8) v. H. Dividende – nur die Hauptaktionäre haben wieder „im Interesse einer weiteren inneren Stärkung unserer Gesellschaft im voraus auf die Ausschüttung einer Dividende verzichtet“, heißt es im Geschäftsbericht. Merkwürdig

Aber das Rätselraten um diese Gesellschaft ist damit noch nicht beendet. Denn die Frage ist berechtigt, für wen eigentlich die drei Banken das Meyer-Paket in Reserve halten. Sachkundige Beobachter sprachen bereits im vergangenen Jahr davon, daß sich Oetker eine Option auf die bei den Banken liegenden Meyer-Aktien gesichert haben soll. Kindl-Bier und Meyer-Schnäpse, keine schlechte Kombination! Bislang sind jedenfalls die Börsengerüchte und Presseveröffentlichungen, die von einer Einflußnahme Oetkers bei Meyer sprechen, nicht dementiert worden.

In der HV versuchte der AR-Vorsitzer den Minderheitsaktionären die „Nutzlosigkeit“ des westdeutschen Meyer-Geschäftes klarzumachen. Den Namen des jetzigen Besitzers der Münchener GmbH verschwieg er „auf Wunsch des Käufers“. Ein Vorstandsmitglied, dem die undankbare Aufgabe zufiel, Pressevertretern nach der HV Rede und Antwort zu stehen, begründete die Zurückziehung vom westdeutschen Geschäft u.a. mit dem angeblich für bundesbürgerliche Ohren wenig attraktiven Firmennamen „Meyer“, um jedoch im nächsten Augenblick zuzugeben, daß dieser Firmenname der Münchener Gesellschaft auf deren Wunsch belassen worden sei unter der Bedingung, daß sie ihre Spirituosen weiterhin aus dem „marktfernen“ und unkostenreichen Berlin beziehe. Diese und zahlreiche andere Ungereimtheiten sollten über die offensichtlich vorbereiteten oder schon vollzogenen neuen Beteiligungsverhältnisse hinwegtäuschen.

Den Höhepunkt des Versteckspiels aber führte einen Tag nach der Meyer-HV der (zur Oetker-Gruppe gehörende) AR-Vorsitzer der Kindl-Brauerei in deren HV herbei, indem er den Kindl-Minderheitsaktionären als Nachfolger eines verstorbenen AR-Mitgliedes den „Kaufmann Lothar Francke aus Berlin-Zehlendorf mit der Begründung vorschlug, Francke sei gebürtiger und auch sonst echter Berliner. Der mit so trefflicher Qualifikation eingeführte und einstimmig gewählte „Kaufmann“ ist niemand anderes als eines der beiden Meyer-Vorstandsmitglieder. gns.