Von René Drommert

Von der breiten, gut asphaltierten Straße traditioneller Literatur führt ein schmaler Pfad seitwärts, in die Büsche“.

Ebensowenig wie ein Pfad mit dem Asphalt, hat eine neue Gattung eigentlich mit Literatur zu tun: das Häufchen von rund sieben Dutzend in Druck erschienener Hörspiele, die teils vom Nord- und Süddeutschen Rundfunk (in Sammelbänden), teils vom Hans Bredow-Institut der Hamburger Universität (in Einzelausgaben) veröffentlicht wurden.

Was soll zum Beispiel die traditionelle Literaturwissenschaft mit ihnen anfangen? Mit der dreigliederigen Alternative Epik-Lyrik-Dramatik sind sie nicht befriedigend einzuordnen, und tatsächlich scheinen sie ein arger Widerspruch in sich selbst zu sein.

Das Hörspiel, das in England seit 1924, in Deutschland seit 1925 besteht, ist Anti-Literatur – sofern man nämlich unter Literatur geistige Erzeugnisse im Druck versteht. Hörspiele sind ihrem Wesen nach nicht dazu bestimmt, stumm (mit den Augen) gelesen zu werden. Sie wollen gesprochen und gehört werden. Sie haben ein anderes Verhältnis zur Sprache, ein für manche Menschen erschreckendes: das des Sprechens. Sie können alle auf das Imprimatur verzichten, auf die Buchstaben, die die Literatur seit über 400 Jahren nicht nur nutzte, sondern von denen sie auch mitgeprägt wurde – und von denen sie unendlich gefördert und schließlich auch eingeengt und nicht selten deformiert wurde.

Der Rundfunk, in dem sterile Bildungskonvention am liebsten heute noch ein Werk des Teufels sieht, hat auf breitester Basis zu einer lautlosen Revolution angesetzt: die zum Terror entartete Herrschaft des gedruckten Buchstabens zu brechen.

Unsere Vorstellung vom Wesen der Sprache ist längst unsicher geworden. Man kann das vielleicht nirgends so genau ablesen wie an der Lyrik. Wie viele Menschen – und die traditionelle Bildung rettet sie zumeist von diesem Irrtum nicht – glauben, das im Buch oder in der Zeitung gedruckte Gedicht sei das Gedicht ganz und gar. Sie machen sich wenig oder gar nicht bewußt, daß hier ein Partiturverhältnis besteht: daß das Gedicht ein akustisches, von der Klangphantasie geschaffenes und für das Ohr bestimmtes Gebilde ist, dessen Notationsform der Schriftsatz oder der Druck ist.