An welchem Werk? Nun, an einem kulturell höchst bedeutenden: mitzuhelfen, daß wir wieder ein pralles Verhältnis zur Sprache gewinnen, daß wir sie nicht mehr in der relativ abstrakten Form der Schreibe, sondern daß wir sie von ihrem natürlichen Urgrund des Sprechern her begreifen und erfüllen.

Im vorigen Jahr ist ein (in der ZEIT vom 24. Oktober 1957 besprochenes) sehr verdienstvolles Werk "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" erschienen. Seine Autoren Sternberger, Storz und Süskind untersuchen eine Reihe von Begriffen wie: Anliegen, Einsatz, Gestaltung, Kulturschaffende, Problem, Raum, Sektor – und zeigen an ihnen den Mißbrauch auf, das falsche Verstehen, die Unüberlegtheit, die Abnutzung.

Das ist vortrefflich. Und doch will es mir zuweilen wie der Versuch einer Therapie an den Symptomen scheinen, nicht wie eine Kausal-Therapie. Erst wenn unsere Beziehung zur Sprache die Kraft und Geschmeidigkeit des Sprechens wiedererlangt, wenn nicht mehr lediglich ihre begrifflichen Merkmale sachgemäß berücksichtigt werden, erst wenn wir uns mit unserer geistigen und sittlichen Energie in der Sprache bewähren, erst wenn wir die Wahrhaftigkeit der Sprache •wiedergewinnen – erst dann haben wir die breiteste Grundlage, auch einzelne Korrekturen vorzunehmen, und vieles wird sich dann wie von selbst ergeben.

Das Hörspiel, das nicht etwa bestimmt ist, das Theater je aus dem Felde zu schlagen (trotz seiner wirtschaftlichen Potenz und Liquidität nicht) – das Hörspiel ist, auf den Druck nicht angewiesen, wohl imstande, uns beim Suchen nach dem wahrhaftigen Sprachverhältnis zu helfen. In dem Nachwort zu Heinrich Bölls Hörspiel "Die Spurlosen" meint Rudolf Walter Leonhardt, dem Literarhistoriker des 21. Jahrhunderts mag, rückblickend, an der Literatur unserer Zeit "nichts so bemerkenswert erscheinen, wie die schöpferischen Kräfte, die der Funk geweckt hat".

Da das Hörspiel gewissermaßen nicht Literatur, sondern Anti-Literatur ist, ist es da nicht geradezu absurd, wenn Hörspiele gedruckt werden, wie jüngst im Hans Bredow-Institut die Fahrerflucht" von Alfred Andersch und "Zwei Hörszenen" von Benno Meyer-Wehlack – übrigens mit einem Nachwort Heinz Schwitzkes, der einer der besten Kenner der Dramaturgie ist? Was soll das? Ist das bereits der Rückfall in die Literatur, jetzt schon, da die Revolution erst ausgebrochen ist, da wir noch "mitten in der Operation’’ sind? Nein; denn das sind keine Lesebücher, das sind Sprachpartituren des Funks, so wie das Drama die Sprachpartitur des Theaters ist. Die Titelblätter dieser Bücher tragen auch alle eine charakteristische Gattungsbezeichnung: "Hörwerke der Zeit".

Es ist nicht zu übersehen, daß die traditionelle Literatur in ihren Höchstleistungen "Partitur" war oder einen der Partitur ähnlichen Charakter trug – wie zum Beispiel im 19. Jahrhundert die Lyrik von Dichtern wie Goethe, Hölderlin und Eichendorff. Äußerst wichtig ist, daß auch die Anti-Literatur, die Wortpartitur vernutlich nach und nach auf die traditionelle Literatur einwirken wird, sie befreiend aus der Starre der Begriffe und Abstraktionen.

Aus der Welt des Films vernehmen wir seit langem das sehr stolze, hochfahrende Wort: das halbe Jahrtausend der Literatur sei zu Ende, es beginne das Zeitalter des bewegten Bildes.