Kurz nachdem Chaim Laskow Anfang dieses Jahres den bisherigen israelischen Generalstabschef Moshe Dayan abgelöst hatte, fragte ihn einmal ein Journalist, ob er meine, daß seine Armee einer neuen militärischen Auseinandersetzung mit den vereinigten Streitkräften der arabischen Nachbarn gewachsen wäre. Der General besann sich einen Augenblick, nahm die unvermeidliche Pfeife mit offensichtlichem Widerwillen aus dem Mund, kratzte sich nachdenklich in den Haaren, die er – nach amerikanischer Sitte – im knappen Bürstenschnitt trägt, setzte sein verhaltenes und seltsam schüchtern wirkendes Lächeln auf und antwortete mit leiser Stimme: „Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen.“ („Let me tell you a story“ ist eine seiner Lieblingswendungen). „Es ging einmal ein Mann durch einen Wald. Da begegnete ihm ein Wolf. Man fragte ihn besorgt, ob er glaube, mit dem Wolf fertig werden zu können. ‚Ach‘, erwiderte der Mann, ‚mit dem Wolf werde ich schon fertig – vorausgesetzt, daß er mich in Ruhe läßt!‘“

Die Antwort ist für den neugebackenen General bezeichnend, der im Alter von neununddreißig Jahren zum militärischen Führer der israelischen Landesverteidigung berufen wurde. Sein Vorgänger hätte sicher anders reagiert. Der einäugige Moshe Dayan, das Idol der israelischen Jugend, hatte sich nicht umsonst den Ruf eines kecken Draufgängers erworben: er galt als eine Art von israelischem Rommel, als der Repräsentant einer bedenkenlosen, gelegentlich ein wenig ans Abenteuerliche streifende Offensivstrategie. Mehr als einmal hatte Ministerpräsident und Verteidigungsminister Ben Gurion sein Ungestüm rügen müssen, so, als er sich während des Sinai-Feldzugs nicht damit begnügen wollte, die Operationen seiner Truppen zu dirigieren, sondern in seinem Panzer überall dort in der vordersten Linie auftauchte, wo ihr Vormarsch zeitweise zum Stehen kam. Solche brillanten Disziplinwidrigkeiten können seinem Nachfolger kaum passieren: neben Dayan erscheint Laskow als der bedächtige, sorgsam abwägende Systematiker.

Nicht daß es Laskow an persönlichem Mut fehlte, er hat Gelegenheit gehabt, das Gegenteil dutzendfach zu beweisen. Der leidenschaftliche Sportler, der noch heute jeden Arbeitstag mit einem einstündigen Dauerlauf beginnt, war noch ein Kind, als er zum erstenmal die Kugeln pfeifen hörte. Als Fünfjähriger mit seinem Vater aus Ostpolen nach Palästina gekommen, zeichnete er sich schon in der Schule durch den Eifer aus, mit dem er nicht nur an den Übungen, sondern auch an den Kämpfen der Haganah teilnahm – jener (damals illegalen) jüdischen Miliz, die in den Wirren der mittleren dreißiger Jahre den Schutz der jüdischen Siedlungen gegen die zionistenfeindlichen Freischärler sicherte.

Sein Vater hat bei einem arabischen Überfall das Leben lassen müssen, ein Ereignis, das für den Lebensweg Chaim Laskows bestimmend wurde. Schon als Halbwüchsiger war er an seiner Schule der Leiter einer Gruppe, die für die Haganah Verbindungsdienste leistete, und als er die Schulbank verließ, schloß er sich freiwillig jener kleinen Elite israelischer Kolonisten an, die gewissermaßen als inoffizielle Berufsoffiziere diese Schutztruppe ausbildeten und sie in den Partisanenkrieg mit den Anhängern des Mufti von Jerusalem führten.

Kaum war der Krieg gegen Hitler ausgebrochen, meldete er sich als Freiwilliger zur britischen Armee. In Italien, Belgien, Holland kommandierte er eine Maschinengewehrabteilung und stieg zum Major auf Die Erfahrungen, die er dabei gesammelt hatte, kamen ihm zustatten, als er 1948 im israelischen Unabhängigkeitskrieg an der Spitze eines Infanteriebataillons den mörderischen Auftrag zu erfüllen hatte, die Straße nach dem abgeschnittenen Jerusalem freizukämpfen: mit seinen Leuten zusammen stürmte er, in verlustreichen Bajonettkämpfen, jene Schlüsselposition von Latrun, in der sich die Elitetruppe der Gegner – Glubbs Arabische Legion – verschanzt hatte.

Aber so sehr er sich im Felde ausgezeichnet hatte – seine bedeutendste Leistung vollbrachte er nach dem Waffenstillstand, als es darum ging, die improvisierten Abwehr-Streitkräfte, die wider alles Erwarten den Palästina-Krieg gegen die arabische Übermacht gewonnen hatten, zu einer „normalen“ und schlagkräftigen Armee umzubilden. Unter den jungen Kommandeuren, denen diese Aufgabe zufiel, galt Laskow bald als einer der vielseitigsten und zuverlässigsten. Nacheinander wurde er Leiter der Ausbildung (und das harte, systematische Training ist bis heute sein Steckenpferd geblieben), Kommandant der Luftwaffe und – nach einem zweijährigen Urlaub, während dessen er in Oxford Politische Wissenschaften, Nationalökonomie und Philosophie studierte – Chef des Panzerkorps. Jener Einheit, deren Blitzoperationen in der Wüste im Moment der Feuerprobe die Sinai-Kampagne für Israel entschied. Als Dayan Rücktrittsabsichten äußerte, um seinerseits die Truppe mit der Universität zu vertauschen (und nebenbei, wie verlautet, als einer der „jungen Männer“ Ben Gurions in die Politik zu gehen und bei den bevorstehenden Parlamentswahlen für die führende Arbeiterpartei Mapai zu kandidieren), galt es als ausgemacht, daß kein anderer als Laskow auf seinen Posten nachrücken könne.

Schon die Laufbahn des neuen Generalstabschefs läßt erkennen, daß er nichts von einem Spezialisten an sich hat. Er verkörpert den Typus des All-round-Soldaten: man kann ihn hinstellen, wo man will, und er wird sich immer mit der zähen, nüchternen Beharrlichkeit, die ihn ebenso auszeichnet wie seine fast übermenschliche Arbeitskraft, in seine Aufgabe hineinbohren. Er gehört zu jenen Offizieren, die die höchsten Ansprüche an ihre Untergebenen stellen, weil sie von sich selber immer das Äußerste verlangen. Bekannt ist seine Sorgfalt für das Detail: von Improvisation, sie waren Dayans Stärke, hält er weniger als von peinlich genauer Planung, und nichts charakterisiert ihn mehr als die Parole, die er ausgab, als er die Leitung der Armee übernahm: „Ausbildung, Ausbildung und noch einmal Ausbildung!“