hst., Köln

Wahrscheinlich hätte ich sie nicht erkannt. Es ist nämlich rund dreißig Jahre her, daß sie uns die Milch brachten, auf Wunsch auch Butter und Eier, täglich, vier Treppen hoch, erst mit einem Handkarren, später mit einem Pferdewagen. Aber ich sehe den Milchmann Münch noch genau vor mir, wie er mit der Zehn-Liter-Kanne durch die Hahnenstraße eilte, treppauf, treppab. Später hat er dann im Mauritiuswall ein kleines Milchgeschäft aufgemacht.

Münch – Milchgeschäft – Mauritiuswall. Das waren die Worte des Sprechers der Fernsehsendung „Hier und Heute“, die bei mir jene längst versunkene Erinnerung auftauchen ließ.

Die Münchs hatten weder im Toto gewonnen, noch waren sie berühmt geworden. Sie hatten nach wie vor das Milchgeschäft im Hause Mauritiuswall 43, einen kleinen, unscheinbaren Laden, ohne den Chrom und den Marmor und die strahlende Neon-Helle unserer Wirtschaftswunderläden.

Sie waren – man sah es deutlich – die kleinen einfachen Leute geblieben, die ich gekannt hatte. Und sie begriffen nicht recht, was hier vorging und warum nun ausgerechnet sie auf dem Bildschirm erscheinen sollten. „Ist doch nichts Besonderes“, meinte Clemens Münch und war sogar ein wenig mürrisch.

Was er „nichts Besonderes“ nennt, war die Tatsache, daß er häufig Juden zum Mittagessen eingeladen hatte. Das wäre in der Tat nichts Besonderes – wenn jene Einladungen nicht in einer Zeit erfolgt wären, da Juden wie Zuchthäusler geächtet waren und mit einem weit sichtbaren gelben Stern umherlaufen mußten. Es war auch strikt verboten, sich irgendwie mit ihnen zu befassen.

Clemens Münch und seine Frau hielten von alldem nicht viel. Sie hatten ihre Milch an Katholiken und Evangelische, Deutschnationale und Sozialdemokraten, Juden und Atheisten, Holländer und Franzosen verkauft. Sie hätten sie auch an Neger und Mohammedaner verkauft. Aber solche wohnten nicht in unserem Viertel.