Der Einzelhandel ist zu teuer. Diese Klage ist immer wieder zu hören und dient vielen Verbrauchern auch zur Entschuldigung jener Erscheinungen, die als „Umgehung der normalen Absatzwege“, d. h. der Einzelhandelsläden, bezeichnet werden. Diejenigen, die solchermaßen und nicht immer ohne Grund den Einzelhandel angreifen, weisen darauf hin, daß die meisten Einzelhändler mit starren Kalkulationsmethoden arbeiten, die auf einem unelastischen Denken in zementierten Handelsspannen beruhen.

Die Einzelhandelsverbände haben sich schon immer gegen diese Vorwürfe zur Wehr gesetzt, ohne allerdings ihre Gegenargumente mit Beweisen unterbauen zu können.

Eine neue Untersuchung des Instituts für Handelsforschung an der Kölner Universität zeigt nun, daß die Einzelhandelsverbände tatsächlich recht haben, wenn sie bestreiten, daß die Einzelhändler zu starr kalkulieren. Dank der vorbildlichen Publizität einer Reihe von Einzelhandelsbetrieben in Bonn sowie in den Landkreisen Euskirchen und Geilenkirchen konnte das Institut nachweisen, daß viele Kaufleute nicht nach einem traditionellen Schema und nach einem betrieblichen Kostenunterschiede völlig außer acht lassenden Verfahren kalkulieren, sondern daß dabei tatsächlich die von Betrieb zu Betrieb unterschiedlichen Kostenverhältnisse eine Rolle spielen. Die Untersuchung des Instituts, der Preisvergleiche bei 90 Artikeln (50 v. H. Lebens- und Genußmittel, ferner Hausratwaren, Textilien und Lederwaren) zugrunde lagen, erstreckte sich auf alle Betriebsformen und Betriebsgrößen, also vom kleinsten Dorfladen in der Eifel bis zum großstädtischen Warenhaus. Das wichtigste Ergebnis dieses Vergleichs ist die Erkenntnis, daß es beträchtliche Abweichungen gibt, die bei Ausschaltung der Extremwerte durchschnittlich bis zu 30 und 40 v. H. zwischen dem niedrigsten und höchsten Preis (niedrigster Preis gleich 100) betragen.

Die Preisunterschiede stammen, wie sich aus der Untersuchung ergeben hat, nur zu einem Teil aus unterschiedlichen Einkaufspreisen. Die Unterschiede sind vielmehr das Ergebnis einer zweifellos noch nicht bei allen Einzelhändlern geübten Kalkulatonsmethode, die von den tatsächlichen Kosten des Betriebes ausgeht. In den unterschiedlichen Preisen spiegelt sich die Tatsache wider, daß der Einzelhandel nicht die Merkmale eines vollkommenen Marktes hat, sondern daß es sich um eine Summe unvollkommener Teilmärkte mit unterschiedlichen Kosten und Preisen handelt.

Im übrigen hat aber die Untersuchung des Instituts für Handelsforschung noch ein interessantes Nebenergebnis gebracht. Ein Studium der Tabelle über die Werte der Abweichungen ergibt nämlich, daß es offenbar im Einzelhandel gar nicht mehr so selten ist, Preisempfehlungen der Hersteller oder anderer Vorlieferanten nicht zu beachten, sondern sich ausschließlich nach der Kosten- und Wettbewerbslage zu orientieren. Dies gilt sogar für anerkannte Markenartikel. M. D.