Was muß eigentlich noch geschehen, bis einige unserer Großaktionäre begreifen, daß auch sie ein gutes Stück wirtschaftspolitischer – und darüber hinaus – gesellschaftspolitischer Verantwortung tragen? Wann werden sie endlich einsehen, daß sie nicht ausschließlich an kurzfristige betriebswirtschaftliche „Belange“, sondern wenigstens ab und zu auch an den größeren Rahmen, in dem ihr Unternehmen steht, denken müssen? Und um es konkret zu sagen: Wann werden sie ein verständnisvolles Verhältnis zu den Kleinaktionären – auch wenn diese keinen direkten und schon gar keinen bestimmenden Einfluß auf das Betriebsgeschehen haben – finden?

Es mehren sich die Fälle, in denen von solcher Rücksichtnahme nichts zu spüren ist. Das bisher eklatanteste Beispiel: Eine Gesellschaft hat im abgelaufenen Geschäftsjahr ihre Rentabilität aus ordentlichen und außerordentlichen Erträgen erheblich verbessern können. Bankschulden und Darlehen konnten um 6,7 Mill. DM abgebaut werden, die Liquidität ist gestiegen. Dieses Unternehmen – zugegebenermaßen stellt es gerade seine Produktion um – hat darauf verzichtet, für das Geschäftsjahr 1957 eine Dividende auszuschütten, obwohl sich sein Bilanzbild so augenscheinlich verbessert hat. Bestimmend in dieser Gesellschaft ist ein Großaktionär, der über 97 v. H. des Kapitals verfügt; die restlichen 3 v. H. werden von Kleinaktionären gehalten. An sie, denen verständlicherweise an einer Gewinnausschüttung liegt, hat man offensichtlich bei dieser Entscheidung nicht gedacht. Dabei hätte eine Ausschüttung in Höhe der Vorjahrsdividende für diese 3 v. H. des Aktienkapitals ganze 17 000 DM erfordert.

Hier ist nun wirklich zu fragen ob die für diese Entscheidung Verantwortlichen noch wissen, was sie tun. Da wird von der Bundesregierung (deren Politik man ja sonst durchaus unterstützt) eine breite Eigentumsstreuung gefordert, da bemüht man sich um die Popularisierung der Aktie, da wird von einer Vielzahl von Institutionen um Verständnis für das Wertpapier geworben, die Privatisierung des Bundesvermögens ist im Gespräch, und trotz aller Rückschläge werden die Versuche zur Einführung von Belegschaftsaktien nicht aufgegeben: Und dann kommt der Hauptaktionär der X-Gesellschaft und lehnt es ab, eine bescheidene und nach Lage der Dinge durchaus vertretbare Dividende auszuschütten. Mit einer solchen Handlungsweise wird mehr zerstört, als in zehn guten Hauptversammlungen wieder aufgebaut werden kann.

Ist es denn wirklich noch nicht bekannt, daß eine breite Schicht von Kleinaktionären und Wertpapiersparern eines der wichtigsten Fundamente für eine freiheitliche Wirtschaftsordnung ist? Weiß man nicht, daß die Konzentrierung des Kapitals, so notwendig sie in dem einen oder anderen Fall sein mag,, auch soziologische Schattenseiten hat, die nur durch eine breite Streuung des freien Kapitals ausbalanciert werden können?

Wenn man aber eine breite Vermögensverteilung erreichen will, dann muß man auch einen Anreiz bieten: Und der Anreiz, eine Aktie zu kaufen, ist vor allem die Hoffnung auf eine hohe oder doch wenigstens „angemessene“ Dividende. Es ist unrealistisch, auf der einen Seite über das mangelnde Interesse an Wertpapieren – und besonders an Dividendenwerten – zu klagen, und andererseits den kleinen Wertpapierbesitzer ertragsmäßig zu diskriminieren, ihn vielleicht nur als ein notwendiges Übel zu betrachten. In diesem Fall helfen auch die schönsten Geschäftsberichte und die großzügigste Publizität nichts; sie wirken unglaubwürdig, wenn hinter ihnen nicht die Absicht steht, den Kleinaktionär in vernünftiger Weise zu berücksichtigen. -l.