Eine Intervention würde den Religionskrieg auslösen

Wer im März dieses Jahres, als der ägyptische Staatspräsident Nasser in Damaskus den Triumph der Vereinigung seines Landes mit Syrien feierte, die vielen libanesischen Fahnen sah, die bei den Demonstrationen mitgeführt wurden, bekam eine Vorahnung von dem, was sich jetzt im Libanon abspielt.

Im allgemeinen war man damals noch der Meinung, das nächste Opfer des Anschluß-Taumels werde Jordanien sein, aber ein Syrer, ein kluger erfahrener politischer Beobachter, sagte mir schon in jenen Tagen: „Geben Sie acht, jetzt wird es bald im Libanon losgehen, denn der syrisch-ägyptische Zusammenschluß allein kann die hochgespannten Erwartungen, die Hoffnungen, die sich auf Großarabien konzentrieren, nicht befriedigen, da muß etwas Neues, etwas Spektakuläres geschehen.“ Und in der Tat: wenn Libanon, das westlichste Land im Nahen Osten, mit der großen levantinischen Metropole Beirut, mit Sidon und Tripoli, den Endstationen der großen Erdölleitungen sich unter Nassers Herrschaft begeben sollte, so wäre dies fraglos ein spektakuläres Ereignis.

Eisenhowers unselige Doktrin

Wirtschaftlich kann der Zusammenschluß Ägyptens mit Syrien keine fühlbare Besserung bringen. Daher lag von vornherein die Befürchtung nahe, daß außenpolitische Erfolge die fehlenden ökonomischen Erfolge würden ersetzen müssen. Ist damit gesagt, daß Nasser mit seiner arabischen Union an den blutigen Ereignissen im Libanon schuld ist? Seine Schuld dürfte wohl schwer nachzuweisen sein, aber daß er mindestens die Ursache ist, das steht fest. Die Unruhe, die heute den ganzen Nahen Osten erfüllt, geht von Nasser aus, von ihm, der Ägyptens Unabhängigkeit erkämpfte, der den Arabern das Symbol ist für jene, sie so sehr faszinierenden Begriffe: Einheit, Unabhängigkeit, Nation, Bruderschaft.

Es bedarf also keiner syrischen Bataillone und riesigen Waffenlieferungen, um den Aufstand im Libanon zu schüren, ein bißchen „nachbarliche Hilfe“ ist angesichts der eigenen Begeisterung ganz genug. Daß die Begeisterung gerade im Libanon so groß ist, daran freilich ist nun der Westen wirklich selber schuld. Jener unselige Hang des State Department, an Sympathie nur zu glauben, wenn sie durch öffentliche Bekenntnisse kundgetan und möglichst auch noch in Verträgen und Pakten einzementiert wird, hat an vielen Stellen der Welt eine Opposition geschaffen und geradezu gemästet, die zuvor gar nicht da war.

Was beispielsweise plagte die USA, die sogenannte Eisenhower-Doktrin – deren Sinn und Wert wir in dieser Zeitung vom ersten Tag an bezweifelten – zu verkünden? Nützen konnte sie so, wie sie abgefaßt ist, überhaupt nicht (nicht einmal jetzt wäre eine Intervention im Libanon unter Berufung auf jene Doktrin möglich, weil sie ja ein „vom internationalen Kommunismus“ bedrohtes Land voraussetzt) – geschadet aber hat sie sehr. Die Libanesen nämlich gingen in ihrer Vorliebe für den Westen so weit, daß sie als einziger arabischer Staat die Eisenhower-Doktrin akzeptierten, und eben damit wurde der schlafende Leu geweckt. Eisenhower-Doktrin und Bagdad-Pakt sind die beiden Vokabeln, deren Erwähnung im Nahen Osten ein allgemeines Haarsträuben auslösen, weil sie die Erinnerung an Abhängigkeit und die Vorstellung „Handlangerdienste für die Großmächte“ hervorrufen,